Blogeinträge von Marian CCL

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von Marian CCL - Montag, 10. Juli 2017, 10:20
Weltweit öffentlich

  Foto: WillemThomsen, Performance "Tausend Gestalten"

"Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben   daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter   kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen - je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen." (Michael Ende, „Momo“)

Im letzten Blogbeitrag schrieb ich davon, dass im Mittelpunkt des "Klimakulturwandels" die Zeitfrage stehe. Vor zwei Wochen ahnte ich noch nicht, dass dieses Thema gerade am Rande des G20-Gipfels in Hamburg Anfang Juli 2017 wieder auftauchen würde. Lassen wir dazu noch einmal die stärksten Bilder dieses Ereignisses Revue passieren: Trump und Putin schütteln Hände, Staatschefs lauschen in der Elbphilharmonie der „Ode an die Freude“, und in einigen Stadtvierteln toben sich Vermummte aus; sie bauen Barrikaden, plündern Geschäfte und stecken Autos in Brand. Entsetzte Kommentare überschlagen sich. Trotzdem sind diese Szenen in gewisser Weise beliebig - man hat das schon so oft gesehen: das obligate „Politiker-Shake-Hands“ ebenso wie den Aufmerksamkeit heischenden, bestürzenden Rabatz der kriminellen Krawalltouristen.  

Ein sehr stilles Spektakel ganz anderer Art ereignete sich dagegen zwei Tage vor dem offiziellen Gipfelbeginn in Hamburg. Die grauen Herren der Zeitsparkasse aus Michael Endes Roman „Momo“ hatten anscheinend die Dimension gewechselt und schritten (zusammen mit ihren weiblichen Counterparts) wie eine Zombiearmee in Zeitlupe durch die zentralen Einkaufsstraßen der verkehrsberuhigten Innenstadt. Gefühlt Tausend (tatsächlich etwa sechshundert) Gestalten in grauen lehmverschmierten Anzügen strebten mit leerem entseelten Blick in ihren grau geschminkten Gesichtern einem Parkplatz zwischen den Hochhäusern zu. Um sie herum herrschte eine merkwürdige Stille, nur unterbrochen durch das Klicken kleiner Taschenaschenbecher, die sie in ihren Händen verborgen hatten. Ein gespenstischer Anblick. Als sich jedoch alle am Bestimmungsort versammelt hatten, änderte sich die Situation ganz plötzlich. Die Performance-Künstler zogen ihre steifen Totenanzüge aus, zum Vorschein kamen bunte Klamotten, lebendige Menschen, die jubelten und sich in den Armen lagen. Es war, als hätte Momo Zeitblumenblätter über ihre Freunde ausgestreut.


Foto: Christian Angl, Performance "Tausend Gestalten"

Die Aktion der „1000 Gestalten“ war Teil der künstlerischen Proteste gegen den G20-Gipfel. (Ein sehr informativer Tagesschau-Bericht zur Entstehung der Performance und zu weiteren Kunstaktionen findet sich hinter diesem Link).

Hier spürte man einen Aufbruchsimpuls, der bei der globalen Polit-Elite ebenso fehlte wie bei den marodierenden Straßen“kämpfern“. „Wir können nicht darauf warten, dass Veränderung von den Mächtigsten der Welt ausgeht, sondern müssen uns jetzt alle politisch und sozial verantwortlich zeigen“, erklärten Sprecher des Kollektivs 1000 GESTALTEN. „Wir wollen daran erinnern, wie identitätsstiftend Mitgefühl und Gemeinsinn für die Gesellschaft sind. Unsere Aktion ist ein weiteres Zeichen dafür, dass viele Menschen die zerstörerischen Auswirkungen des Kapitalismus nicht länger hinnehmen wollen. Was uns am Ende rettet, ist nicht unser Kontostand, sondern jemand, der uns die Hand reicht“.

Schöner hätte Momo es nicht sagen können. Sie verkörpert die Fähigkeit der Empathie, des Miteinander, des Zuhörens und des Zeit Habens, Füreinander und für die Umwelt. Eine Fähigkeit, die für den Klimakultur-Wandel dringend gebraucht wird. Zeit ist Geld, heißt es in unserer Gesellschaft. Michael Ende dachte in „Momo“ diesen Gedanken zu Ende und zeigte, dass wir zu grauen Sklaven des Profits werden, wenn wir Zeit nicht als die Ressource wahrnehmen, die sie ist: das, was unser (endliches) Leben ausmacht. Sich immer wieder Zeit nehmen, die Welt um sich herum spüren, sich mit ihr und mit anderen verbinden - das ist die Grundlage für die anstehende Transformation.

Im bereits erwähnten Tagesschau-Bericht zeigt ein namentlich nicht benannter Künstler, warum es „sehr subversiv sein [kann], wenn man im öffentlichen Raum einfach nichts tut und Zeit hat.“ Er und seine Partnerin liefen auf einer noblen Einkaufsstraße einfach rückwärts – wie Momo, als sie gegen die grauen Männer der Zeitsparkasse kämpfte. Manchmal ist es ganz einfach, Dinge anders zu machen – nur sehr ungewohnt. Und ja: Wer wirklich Veränderungen anstößt, wird anfangs oft belächelt. Auch das ist eine Erfahrung, wenn man Neuland betritt. Pioniere des Wandels wissen das und lassen sich davon nicht beirren.

Ich glaube, dass vom G-20-Gipfel in Hamburg in einem Jahr nicht die austauschbaren Gewaltbilder und nicht die ewig gleichen Talking Heads der Politiker übrigbleiben werden. Wenn sich die aktuelle Aufregung verzogen hat, wird die Performance der „1000 Gestalten“ nachwirken. Sie hat ein Sinnbild unserer Gesellschaft in die Welt gesetzt, das unter die Haut geht. Sie hat gezeigt, was Transformationsenergie ist – findet

Eure Marian

[ Geändert: Freitag, 28. Juli 2017, 13:15 ]