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von Marian CCL - Mittwoch, 14. Februar 2018, 11:01
Weltweit öffentlich

Kuh hinter Baum

(Bild: Ross Sokolovski)

Wer die guten Vorsätze vom Jahresanfang schon wieder vergessen hat, bekommt am Aschermittwoch die Chance für einen Reset. Überschaubare 40 Tage lang kann man die Kraft der Tradition nutzen und sich für eine vorösterliche Askesephase entscheiden. Die Einhaltung der Fastenzeit war viele Jahrhunderte lang für die Menschen eine Selbstverständlichkeit. Warum also nicht dem Vorbild folgen und im Sinne eines Beitrags zum KlimaKultur-Wandel sich selbst ein CO2-verminderndes Fleischtabu auferlegen? Leider hat die Sache ein paar komplizierte Ecken und Kanten...

Zunächst eine interessante Tatsache: mehr als die Hälfte aller Deutschen findet es laut der jährlichen Forsa-Umfrage sinnvoll, sich vor Ostern im Verzicht zu üben. Nicht um, wie es früher hieß, dem Laster zu entsagen, sondern vor allem um sich selbst etwas Gutes zu tun. Auch wenn in diesem Jahr vor allem Süßigkeiten in den Tüten bleiben sollen, steht auch die Entscheidung für fünfeinhalb Wochen vegetarische Ernährung hoch im Kurs.

Und die klingt für umwelt- und klimabewusste Menschen besonders attraktiv. Denn, das hat sich inzwischen herumgesprochen: Viehwirtschaft ist CO2-intensiv. Tierische Produkte verursachen ungefähr 70% jener Treibhausgasemissionen, die durch unsere Ernährung entstehen – im Gegensatz zu den nur 30% für die Erzeugung von pflanzenbasierten Lebensmitteln.

Fleischfasten ist also erstmal prima, ohne Wenn und Aber. Kompliziert wird es erst bei der Frage, was denn als Ersatz für die tierische Nahrung gewählt wird. Besonders emissionsintensiv ist nämlich ALLES rund ums Rind. Kuh, Ochse oder Stier brauchen nicht nur flächenintensiv anzubauendes Kraftfutter, sie sondern auch Methan ab. Wer also Fleisch durch Milchprodukte ersetzt, hat nichts gewonnen. Denn ein durchschnittliches Kilo Kuhkäse, etwa Gouda, verbraucht ebenso viel CO2 bei der Erzeugung wie ein Kilo Schweinefleisch. Mindestens. Zu allem Überfluss müssen diese Zahlen auch noch mit Vorsicht betrachtet werden. Fleisch von einem mit Gensoja gefütterten Rind aus Argentinien weist andere Werte auf als von einem hiesigen Weidetier. Ebenso ist der handhergestellte Sennenkäse aus den Schweizer Alpen, der nicht exportiert wird, klimafreundlicher als dort produzierte Industrieware. Aber unterm Strich gilt: Eine Welt voller Veganer würde die ernährungsbedingten Treibhausgasemmissionen um 70 Prozent senken.

Zu solch einer radikalen Umstellung will sich nicht jede*r entschließen. Für die Fastenkur vor Ostern kann man sich deshalb grob an einigen Eckpunkten orientieren. Es ist besser regionale Hühnchenprodukte aus dem Biosupermarkt zu kaufen als Kuhkäse – allerdings sollte die Einkaufstour nicht mit dem Auto gemacht werden. Geflügelprodukte sind fast sechsmal weniger CO2-intensiv als Rindfleischprodukte. Wer auf Ziegen- und Schafskäse umsteigt oder sogar auf selbstgemachte Aufstriche und Pasteten aus Linsen, Bohnen und Erbsen, hilft dem Klima. Sinnvoll ist außerdem der Konsum von saisonalem und regionalem Gemüse – aber nur, solange es nicht aus einem beheizten Gewächshaus stammt. Marokkanische Freilandtomate statt Holland-Frucht, sozusagen, aber bitte keinen Flugspargel aus Südamerika....

Diese und viele weitere mögliche Beispiele zeigen, dass klimafreundliche Ernährung nicht durch eine einfache Verzichtsentscheidung zu haben ist. Vielleicht könnte deshalb die vorösterliche innere Einkehr ja eine ganz andere Form des Fastens annehmen. Zu denken wäre an eine Kombination aus Fleischverzicht und der Bereitschaft, die den Menschen normalerweise eigene Neigung zur intellektuellen Bequemlichkeit durch die Anstrengung zur Eigenrecherche zu ersetzen. Also ein echtes KlimaKultur-Wandel-Fitness-Programm! Denn leider ist es ein Kreuz mit dem CO2-Fasten. Man muss jedesmal genau hinschauen, nachfragen, nachdenken, Verhältnismäßigkeiten abwägen und mit Kreativität eigene Lösungen finden.

Dieser 3sat-Beitrag zum Fleischverzicht hilft dabei zu verstehen, wie sich der Fleischkonsum auf Natur und Gesellschaft auswirkt. Anregungen für sinnvolle Umstellungen finden sich oben in der angehängten Broschüre, die das Klima-Bündnis zwar für Großküchen erstellt hat, deren Tipps aber gleichwohl für den Privatgebrauch sehr praktisch sind. Weitergehende Unterstützung für eine innere Generalüberholung mit KlimaKultur-Wandelwirkung bietet außerdem die Fasten-Aktion für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. Auch hier gilt: man braucht kein*e gläubige*r Christ*in zu sein, und auch nicht evangelisch oder norddeutsch, um das Angebot zu nutzen. Stattdessen geht es darum, das eigene Wohlbefinden durch neue Handlungsimpulse zu steigern und gleichzeitig für die Welt etwas Gutes zu tun.

Anfangen könnte man gleich heute damit, am Valentinstag. Denn die Rosen, die üblicherweise am 14.Februar verschenkt werden, sind ganz sicher nicht auf klimafreundliche Weise gewachsen. Wie wäre es, romantische selbst erdachte oder gemachte Alternativen zu finden, die garantiert mehr überraschen als die überteuerte Standardblume? Sagen Sie uns Ihre Meinung! Was sind Ihre Lösungen? Wie entscheiden Sie sich, wenn Sie auf dem Markt sind oder vor dem Supermarkt-Regal stehen? Was funktioniert für Sie am besten?

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Papierrosen

(Bild: CCL)

[ Geändert: Freitag, 16. Februar 2018, 11:44 ]