Blogeinträge von Marian CCL

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von Marian CCL - Dienstag, 5. März 2019, 12:37
Weltweit öffentlich

Aufnahme der Erde aus dem All















Erstes Farbfoto der ganzen Erde, aufgenommen vom Satelliten ATS-3 am 10.11.1967

Es gibt Momente im Leben, da werden wir daran erinnert, dass es mehr gibt als nur die Alltagswelt. Das ist sicherlich an Festtagen der Fall oder im Urlaub. Heute wollen wir aber nicht über fröhliches Loslassen oder seichte Entspannung reden. Stattdessen geht es um intensive innere Erfahrungen: dann, wenn sich alles in einem zusammenzieht. Der Ausdruck „alles zieht sich zusammen“ passt in ganz unterschiedlichen Situationen. Wenn man Hunger hat, wird der Magen klein. Wenn man eine sehr traurige Nachricht hört, ballen sich die Gefühle zu einem Kloß im Hals. Wenn man friert, spannen sich die Muskeln an. Wenn man sich konzentriert, ziehen sich alle Gedanken zusammen. Mit anderen Worten: Etwas verdichtet sich – und gleichzeitig ist unsere Wahrnehmung fokussiert. Um diese Verdichtung und die damit einhergehende veränderte Wirklichkeitserfahrung geht es in den nächsten 40 Tagen für viele Menschen (nicht nur) in Deutschland und auch im CCL.

Zu Beginn dieses kommenden Zeitabschnitts steht die Aussicht auf ein trauriges Ereignis. Noch vor zweihundert Jahren wäre außer Frage gestanden, welche niederschmetternde Nachricht der Aschermittwoch ankündigt: die Aussicht auf Karfreitag, das Beweinen des Todes Christi. Für Viele spielt dies heute keine Rolle mehr. Aber immer mehr Menschen begreifen, dass das, was Christen „Schöpfung“ nennen, vom Tode bedroht ist: durch den Klimawandel, das Artensterben, die Ressourcen-erschöpfung, die Versauerung der Meere, die (Plastik)-Mülllawinen, die Bodenversiegelung, die Überdüngung usw. Noch gibt es Hoffnung, dies abzuwenden. Und immer mehr Menschen spüren, dass sie ihren Teil dazu beitragen sollten – und vielleicht auch wollen. Die Schwierigkeit ist nur: wie anfangen?

Lassen Sie sich doch von der Fastenzeit inspirieren! Für Christen gibt es gleich zwei passende kirchliche Aktion: „Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen“ und „Klimafastenaktion für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit 2019“. Der Mensch als unverbesserlicher Bequemlichkeitssucher bekommt hier einen freundlichen Nasenstubser, sich an die selbige zu fassen und wenigstens während einer überschaubaren Zeitspanne ehrlich zu sein. Weil wenn wir aufhören, uns selbst etwas vorzumachen, können wir vor der Wahrheit kaum die Augen verschließen. Es ist höchste Zeit.

Aber auch Nicht-Christen finden zurzeit auf fast allen Medienkanälen eine Vielzahl von Tipps - die Fastenzeit ist „in“. Gern wird die Gelegenheit beim Schopf gegriffen, sich selbst einen Ruck zu geben und zumindest für eine überschaubare Zeit „alles richtig zu machen“. Keine Süßigkeiten, kein Alkohol, keine sozialen Medien, kein Plastik und –natürlich- der Klassiker, kein Fleisch. Viele weitere Beispiele sind denkbar. Meist haben diese Angebote keinen klimafreundlichen Aufhänger. Und doch tragen alle, die sich daran beteiligen, ein bisschen zu einer so nötigen neuen Kultur der Mäßigung bei. Es ist eine Einübung in Genügsamkeit, eine Zusammenziehung. Soweit die Oberfläche.

Aber wären die 7 Wochen rund um den Frühlingsanfang nur ein beliebiges Freizeitprogramm zum „Gürtel-enger-schnallen“– dann wäre das Fastenphänomen vor Ostern schnell wie eine Modewelle vorbeigeschwappt. Stattdessen haben wir es gefühlt mit einer anschwellenden Bewegung zu tun. Was ist da los? Woher kommt dieses Bedürfnis nach Verzicht? Sicherlich liegt die Selbstbeschränkung bei der Nahrungsaufnahme aufgrund nachweislicher Gesundheitsvorteile im Trend. Aber das wäre zu einfach gedacht. Das Fasten im klassischen Sinn diente immer auch der Schärfung der eigenen Sinne. Vorbild war Jesus, der sich 40 Tage lang in der Wüste auf seine Passionsaufgabe vorbereitete. Das Gebet, die Selbstbesinnung gehörten immer schon dazu. Übersetzt in die heutige Zeit könnte man sagen: Fasten ist die Chance, auf den erprobten Spuren eines jahrtausendealten Pfades aus dem Alltag herauszutreten. Ein Stück weit, wie der Mensch von heute es halt so schafft. Aber immerhin. Sieben Wochen lang selbstbestimmter Verzicht ist eine Übung, die die Besinnung aufs Wesentliche ermöglicht. Was ist wirklich wichtig im Leben? Um diese Frage geht es.

Die Asche, die Kirchgänger am Aschermittwoch auf ihr Haupt gestreut bekommen, soll an die eigene Vergänglichkeit erinnern. Umgangssprachlich und ganz religionsfrei ausgedrückt: daran, dass dem eigenen „Ich-will, Ich-will“ natürliche Grenzen gesetzt sind. Das betrifft auch unser gewohntes Alltagskostüm bestehend aus oft unbewussten Grundannahmen, die unsere Wahrnehmungen, Deutungen, Verhaltensmuster und Vorlieben bestimmen. In diesem Sinn ist die Fastenidee eine Chance, das Alte hinter sich zu lassen und im besten Fall über sich selbst hinauszuwachsen. Die Selbstbeschränkung hilft raus dem Trott, sie erzeugt eine innere Konzentration und öffnet die Sinneserfahrung. Einfache Beispiele hierfür wären der Verzicht aufs Auto oder das Entrümpeln des Kleiderschranks. Im besten Fall spürt man, wieviel Überflüssiges man im Lauf der Jahre oft aus Frust zusammengekauft hat oder wie sehr die Verkehrshektik das persönliche Wohlbefinden beeinträchtigt. Was aber wären wirklich sinnvolle und erfüllende Alternativen zur konsumgesteuerten Ersatzbefriedigung?

Damit haben wir die Oberfläche verlassen. Fasten als Erfahrungsverdichtung bietet die Möglichkeit, in eine neue Haltung einzutauchen. Genau dazu möchte das CCL als Labor zur Entwicklung und Erprobung klimafreundlicher Werte anregen. Weil Menschen sehr unterschiedlich sind, sind auch die Wege, sich einem konzentrierten, genügsamen, erfüllten, CO2-armen Leben anzunähern, vielfältig. Für eine enkeltaugliche Zukunft sind sie alle wichtig: Fahrrad statt Auto, Reisen mit der Bahn statt mit dem Flugzeug, Gemüse statt Fleisch, erneuerbare Energien statt Kohlestrom, gemeinsame Erlebnisse in der Natur statt Besuch im Shopping-Paradies, selbst mitgebrachte Gefäße und Taschen statt Plastikmüll.

Das verbindende Element einer gemeinsamen Fastenaktion kann aber noch mehr als die Summe dieser (und vieler weiterer) Elemente sein. Es kann, ausgehend von einer bewusst gewählten Konzentration aufs Wesentliche, eine Rückbesinnung auf die Schönheit der Erde sein, wie sie im poetischen Begriff vom blauen Planeten zum Ausdruck kommt. Dies würde bedeuten, sich täglich mit einer kleinen Aufmerksamkeitsübung ein Beispiel für diese natürliche Schönheit zu suchen und die Freude darüber tief in sich zu fühlen. Sei es das Lächeln des eigenen Kindes, das Rascheln eines Blattes, der Geschmack der Karotte, das beeindruckende Rauschen von Wind in hohen Bäumen, das Zwitschern eines Vogels, das dramatische Wolkenschauspiel am Himmel. Und dann nur noch diesen Moment zu spüren und sich selbst vergessen…

Diesen Überlegungen und Einsichten Taten folgen lassen, dazu will unser 40-tägiges Programm ganz praktisch inspirieren. Wir lehnen uns damit an die weiter oben erwähnte Aktion „Klimafastenaktion für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit 2019“ an, aber bewusst ohne kirchlichen Fokus! Eingeteilt ist der Zeitraum in sieben (eigentlich sechseinhalb) Wochen, die alle ein eigenes Motto und ein eigenes Fastenziel haben. Dies soll einen Ausschnitt aus der breiten Palette an notwendigen Veränderungen im Alltagsverhalten abbilden. Passend zu diesen Leitthemen werden wir im Forum hier auf der Plattform wöchentlich Gedankenanstöße anbieten, damit wir uns gemeinsam über unsere Aktion austauschen und motivieren können. Für Nutzer*innen der sozialen Medien haben wir sogar täglich eine kleine Ermunterung für ein nachhaltiges klimafreundliches Leben auf Facebook. Und das sind unsere Themen:

Woche 1, 06.3.-10.3.2019 - Allgemeine Einstimmung – Besinnung aufs Wesentliche

Woche 2, 11.3.-17.3.2019 - Ernährung – Das tut Körper und Klima gut

Woche 3, 18.3.-24.3.2019 – Konsum - Darf’s ein bisschen weniger sein?

Woche 4, 25.3.-31.3.2019 – Energiewende – Fürs Klima und den Geldbeutel

Woche 5, 01.4-07.4.2019 – Mobilität - Gesund und klimafreundlich von A nach B

Woche 6, 08.4.-14.4.2019 – Plastik – Müll fasten

Woche 7, 15.4.-21.4.2019 – WIR-Kultur - Gemeinsam machen wir uns stark – fürs Klima!

sowie als Sonderthema zu Woche 7: Klimafreundlliche WIR-Kulturen aus Göttingen! Entdecken Sie den Sonnifanten und viele andere, fröhliche und inspirierende Beispiele.

Wir freuen uns auf eine gemeinsame Zeit mit Ihnen und anregende Diskussionen im Forum.



[ Geändert: Mittwoch, 17. April 2019, 10:26 ]