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von Marian CCL - Sonntag, 15. November 2020, 23:00
Weltweit öffentlich

Ein „Hoody“, was ist das? Klingt irgendwie gemütlich, wie ein Kuschelpulli. Tatsächlich lehnt sich das Wort an den englischen Begriff „Hood“ (von neighbourhood) an und bezeichnet einen Kiez, in dem man sich zu Hause fühlt. Das Gebiet rund um den Moltkeplatz im Hannoveraner Stadtteil List ist so ein Ort, mit seine wöchentlichen Märkten, mit schön sanierten Altbauwohnungen, netten Geschäften und Kneipen und dem nahen Stadtwald Eilenrenriede. Etwa 4000 Menschen leben hier. Beste Bedingungen also, um hier Anfang 2019 ein Nachbarschaftsprojekt zu starten, bei dem die Bewohner*innen eingeladen waren, gemeinsam und ganz praktisch an zukunfts- und klima- freundlichen Ideen für ihre Wohnumgebung zu arbeiten. Dass es dafür im November 2020 einen Preis geben würde, war für die Initiatorin und Anwohnerin Andrea Steckert und alle Beteiligten eine wundervolle Überraschung.

Anlass, um gerade jetzt und hier aktiv zu werden, war der von der Stadt initiierte Umbau der Moltkeplatzumgebung in den Jahren 2017 bis 2019. Dabei kam auch ein Bürgerbeteiligungsprozess zum Zuge, bei dem Klimaschutz aber nur eine untergeordnete Rolle spielte. Wünsche wie „urban gardening“ oder mehr Gemeinschaftsangebote und Nachbarschaftsaktivitäten fielen unter den Tisch. „Da geht doch mehr“, dachte sich Andrea Steckert und legte zusammen mit der TransitionTown-Bewegung los. Mit Hilfe einer Förderung aus dem „Kurze-Wege“-Topf der NKI entwickelte sie das „Hoody“-Projekt.

Ziel war es, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Menschen regelmäßig begegnen und besser kennenlernen können, um über einen längeren Zeitraum hinweg gemeinsam an einer praktischen Kultur der Nachhaltigkeit zu arbeiten. Einfach gesagt: Es ging darum, Leute zusammenzubringen, die Lust hatten, Themen wie Stadtgärtnern, Lastenradbau, Kompostgewinnung und ähnliches in Angriff zu nehmen. Dies sollte durch eine auf zwei Jahre geplante Veranstaltungsstruktur gelingen, allen voran ein sogenanntes Oasenspiel und mehrere Dialogforen.

Natürlich war es anfangs nicht ganz leicht, Freiwillige fürs Mitmachen zu gewinnen. Mit Hilfe von TransitionTown-Mitgliedern, ihrem persönlichen Netzwerk und der Internet-Plattform „meet-up“ kamen aber genug Leute zusammen, die Werbematerialien verteilten und Vorbereitungen trafen. Nach dem offiziellen Projektstartschuß Anfang März und zwei Dialogforen in den folgenden Monaten nahmen die Umsetzungsideen für ein großes Event im Sommer 2019 Gestalt an. 

9 Leute stehen vor dem großen Plakat, das am Boden liegt und das Rad der Nachhaltigkeit zeigt

Leute machen Werbung für das Oasenspiel am Moltkeplatz








Die Beteiligten am Hoody-Projekt hatten sich nicht wenig vorgenommen: vom 29. August bis zum 14. September fand an insgesamt vier Wochenenden das "Oasenspiel“ statt. Damit ist ein niederschwelliges Beteiligungsverfahren in Form eines ganz realen Spiels gemeint, das vom Instituto Elos aus Brasilien entwickelt und zuerst in den Favelas, den brasilianischen Armenvierteln, praktiziert wurde. Seit 15 Jahren wird es erfolgreich in aller Welt angewandt. Vergleichen kann man es ein wenig mit den Zukunftswerkstätten, die man aus Deutschland kennt, nur kommt beim Oasenspiel die direkte praktische Umsetzung der Ideen und die brasilianische Lebenslust dazu.

Sommer, draußen, an einem langen Tisch essen viele LeuteSommer, draußen, an einem langen Tisch essen viele Leute







Wenn man sich die Bilder vom Moltkeplatz im Sommer 2019 ansieht, könnte man an ein Stadtteilfest denken. Das stimmt auch, denn Feiern ist ein wichtiger Bestandteil des Oasenspiels. Schließlich soll Bürgerbeteiligung Spaß machen, denn so werden Beziehungen gestärkt und Energie für weiteres Tun erzeugt.  Trotzdem ist das Spiel viel mehr als nur „Party“ – es ist ein strukturiertes Verfahren, bei dem die Teilnehmenden vom Ist-Zustand ausgehend Träume und konkrete Wünsche zur Gestaltung ihrer Nachbarschaft entwickeln. Während der Spielphasen an insgesamt vier Wochenenden fanden sich kleine Untergruppen zusammen, die auf Basis der entstandenen Fülle an klima-freundlichen und nachhaltigen Ideen in die reale Umsetzung einsteigen wollten.

Viele Leute stehen um eine Kleiderkiste mit T-Shirts und begutachten dieseViele Leute stehen um eine Kleiderkiste mit T-Shirts und begutachten diese







                                                                      Das Ergebnis: Es entstanden eine Stadtgärtnergruppe, eine Upcyclinggruppe, LiLi die Lister Lastenradinitiative, eine „Hoody“-Inspirationsbank, eine mobile Bibliothek der Dinge, eine Aktionsgruppe rund um plastikfreies,  unverpacktes Leben und Plastikmüllsammelaktionen, Online-Austausch zu Permakulturprinzipien und Bokashibau und vieles mehr. Ganz besonders spektakulär und wunderschön: Die Kunstaktion „Licht ins Dunkel bringen“ auf dem Moltkeplatz am 7.09.2019

Nacht, angestrahlte Bäume, Menschen sitzen mit weißen Lampions auf dem MoltkeplatzGanz zufällig hatte Klavierstimmer Hartmut Blanke Kontakt zum Komponisten George Speckert, der gerade an einem Stück über den Amazonas arbeitete. Gern stellte er es für den Abend zur Verfügung. Ein Lichtdesigner steuerte Strahler bei. Ein weiterer Nachbar, selbst Musiker, hatte eine gute Anlage. Von 21.00 bis 21.30 schalteten die Anwohner ihre Lichter aus. Viele von ihnen gingen auf den Platz, nahmen einen der bereitstehenden Lampions und ließen sich auf die persönliche Reflektion über die vielen Möglichkeiten für eine glückliche klimafreundliche Zukunft in ihrer Nachbarschaft ein.

Das Oasenspiel war ein voller Erfolg, an die 150 Menschen hatten daran mitgewirkt, der Grundstein für eine neue Nachbarschaftsgemeinschaft in der List waren gelegt. Bei nachfolgenden Dialogforen wurden die Fortschritte der Aktionsgruppen besprochen und auch ganz allgemein darüber diskutiert, wie sich durch klimafreundliches Handeln im eigenen Alltag der eigene CO2-Fußabdruk sowie der ökologische Rucksack erleichern lassen.

Aber so vielversprechend der Jahresanfang 2020 ausgesehen haben mag – wir wissen alle, was danach kam. Die Corona-Pandemie erschüttete auch den Hoodie-Projektplan. Um geplante Veranstaltungen zu ersetzen, war die Phantasie der Hoodie-Teilnehmenden aufs Neue gefragt. So entstand von März bis Juni das „Molle-Online-Cafe“. Jeweils montags und freitags von 18:00 Uhr - 19:00 Uhr stand ein moderierter Zoom-Raum für Treffen zur Verfügung. Damit konnte das gerade erst geknüpfte Netzwerk am Leben gehalten werden. Die Ausdauer zahlte sich aus. Denn im Sommer legte Hoodie wieder voll mit Aktionen los, diesmal mit neu eingeübten Abstandsregeln. Bei gemeinsamem Freiluftkino mit Filmen über klimafreundliches Leben, der Anpflanzung essbarer Sträucher als Start zur Umsetzung der „Vision Essbarer Stadtteil“ und weiterer Dialogforen lebten die Teilnehmenden von Juli bis September das neu entstandene Gemeinschaftschaftsgefühl.

All diese Aktivitäten erregten die Aufmerksamkeit der Lokalpolitik. „Das Hoody-Projekt bringt beim gemeinsamen Finden von Antworten auf den Klimawandel Freude und Zuversicht zu den Menschen“, sagt die stellvertretende Bezirksbürgermeisterin Monica Plate. Als Belohnung für das Engagement der Beteiligten verliehen sie und ihre Kollegin, die Bezirksbürgermeisterin Irma Walkling-Stehmann dem Projekt  am 9.11.2020  den  Bürgerpreis 2020 des Stadtbezirks Vahrenwald-List. Natürlich auch zur großen Freude der „Hoodies“. Wiebke Witthuhn, selbst Hoody-Mitarbeiterin, kommentierte freudig überrascht: "Der Bürgerpreis kommt nach einem unter Corona-Bedingungen erschwertem Jahr im richtigen Moment, um die Lister Nachbarschaftsgruppe zusätzlich zu motivieren und in ihren Vorhaben zu stärken.“

Ganz besonders spornt die Auszeichnung auch Klavierstimmer Hartmut Blanke an, der den Preis zusammen mit Projekt-Initiatorin Andrea Steckert entgegen genommen hatte. Nach seinem Einsatz bei der Kunstaktion „Licht ins Dunkel bringen“ hatte sich der Nachbar für das Zustandekommen des „gemeinnützigen Lister Nachbarschafts e.V.“ stark gemacht und bei dem Verein in Gründung den 1. Vorsitz übernommen. Dies geschah in der Absicht, für die Zeit nach dem Auslaufen der NKI-Förderung Ende 2020 vorzusorgen. Ab Januar 2021 werden begonnene Hoody-Aktionen unter dem neuen Vereinsdach fortgeführt und mit Aktivitäten verschiedener anderer Organisationen und Projekte in der List vernetzt oder die bereits begonnene Zusammenarbeit ausgebaut. So kann kommunaler Klimaschutz gelingen!

Andrea Steckert und Hartmut Blanke halten Plakat hoch mit den Worten Klimaneutrale List jetzt machen

P.S. Wer noch mehr wissen will, kann auf der Website und auf Facebook fündig werden:

http://www.hoody-hannover.de

https://www.facebook.com/Hoody-Moltkeplatz-355122401886704
















[ Geändert: Dienstag, 17. November 2020, 14:05 ]