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Weltweit öffentlich

CO2-Minderungspfade

Wenn in der Diskussion um den Klimawandel in den letzten Jahren eines sicher war, dann das: der nervöse Blick auf  Emissionsreduktionskurven die den Zusammenhang zwischen CO2-Reduktionspfad und Zeithorizont zeigen. Wir lernen: wäre die Klimaschutzkonferenz 2009  in Kopenhagen erfolgreich gewesen, müssten sich die Politiker heute nicht die Köpfe über schnelle und hohe Minderungsraten zerbrechen (rote Linie). Wirksame Veränderungen wurden Jahr um Jahr auf die lange Bank geschoben und die Treibhausgaskonzentration ist sogar weiterhin gestiegen (410 ppm im Jahr 2018 versus 380 im Jahr 2008).

Nun ist dies hier kein Blog für wissenschaftliche Zahlenspiele, sondern für KlimaKultur-Wandel. Dennoch ist es wichtig sich klar zu machen, dass die beiden Grafiken mit wenigen dünnen Linien eine simple Realität illustrieren: in knapp zehn Jahren muss sich unser gesamtes Leben radikal ändern. Mit „uns“ sind dabei all die Länder gemeint, deren heutiger CO2-Ausstoß bei über einer Tonne pro Person und Jahr liegt (Wir erinnern uns: in Deutschland sind wir derzeit noch bei zehn). Hat nun die am späten Samstagabend beendete UN-Klimakonferenz in Katowice einen entscheidenden Schritt in diese Richtung getan?

Gruppe der High Ambition Coalition


                                                                                                       

Formal gesehen lässt sich die Frage mit „nicht entscheidend, aber ein bisschen“ beantworten, inhaltlich eher mit „nein“. Ein bisschen, weil mit dem Katowicer Klimapaket tatsächlich das im 2015er Klimavertrag vorgesehene Regelbuch von allen 196 Vertragsstaaten verabschiedet wurde, das für die Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels verbindliche Umsetzungsleitlinien vorschreibt. Diese machen den Ländern detaillierte Kontrollvorgaben zur Messung und Offenlegung ihrer Emissionen sowie zur Verbesserung und Aktualisierung ihrer Emissionspläne. Auch beim Thema Klimafinanzierung einigte man sich auf ein Berichtswesen und Buchhaltungsregeln. Unterm Strich gibt es jetzt also eine Betriebsanleitung, wie der Reduktionsprozess weltweit funktionieren kann.

Das inhaltliche „Nein“ hat dagegen viele Facetten. Die Vereinbarkeit der internationalen Finanzflüsse mit den Pariser Klimazielen ist zwar sehr hilfreich, aber das avisierte „level of ambition“, also die gemeinsam angepeilten Einsparungsanstrengungen, sind eindeutig ungenügend. Nur zwei Beispiele: USA, Russland und Saudi-Arabien weigerten sich, den von der Klimarahmenkonvention UNFCC selbst in Auftrag gegeben IPCC-Sonderbericht zu den Folgen einer Erwärmung um 1,5 Grad zu begrüßen. Man nahm die warnenden Ausführungen lediglich zur Kenntnis und senkte mit diesem entmutigenden Signal den gemeinsam vereinbarten Handlungsdruck. Schon hier zeigt sich, wie sehr auch in Katowice die bisherige Chronik des Zögerns fortgeschrieben wird.

Ein weiteres Merkmal der nur gebremsten Handlungsbereitschaft der Staatengemeinschaft ist das Vertagen strittiger Fragen. Dies ist der zweite inhaltliche Misserfolg von Katowice, z.B. Stichwort Schlupflöcher. Dabei geht es um das technisch schwierige Kapitel CO2-Handel, also um die gegenseitige Verrechnung von Klimaschutzmaßnahmen. Einige Länder wie etwa die Schweiz wollen sich von Reduktionsverpflichtungen im eigenen Land teilweise freikaufen, indem sie CO2-Einsparprojekte anderswo, etwa in Brasilien finanziell ermöglichen. Nun forderte aber Brasilien in Katowice, dass diese Einsparungen ebenfalls Brasilien angerechnet werden müssten, was auf eine doppelte Zählung hinausliefe. Eine abwegige Idee, deren Lösung sich als zu kompliziert erwies und die auf die nächste COP verschoben wurde.

Ob die Verhandlungen diesen Konflikt 2019 lösen können, steht in den Sternen, denn dann wird der neue rechtskonservative Präsident Jair Bolsonaro im Amt sein, für den Umwelt- und Klimaschutz ebenso zweitrangig sind wie für den derzeitigen US-Präsidenten. Es bleibt hier zu hoffen, dass mit dem progressiven Chile als Austragungsort für die nächste COP in Südamerika ein klimafeindlicher Dominoeffekt, ausgelöst von Bremserstaaten, verhindert wird. Denn trotz aller Schwierigkeit lebt der Geist des Multilateralismus mit der Verabschiedung des Regelbuchs. Die Einigung und das Schlussdokument von Katowice können auch als Beleg dafür gesehen werden, dass die Weltgemeinschaft bereit und handlungsfähig ist, den Klimaschutz gemeinsam voranzutreiben.

Womit wir zur Anfangsfrage zurückkehren, was das alljährliche Konferenzritual denn nun eigentlich bringt. Tagesschaukommentator Werner Eckert zieht folgendes Fazit aus Katowice: „Beim derzeitigen Tempo bremst alles, was bisher beschlossen wurde, die Erderwärmung, aber es verhindert die Heißzeit nicht.“ Hinderungsfaktoren für ein rasches Handeln sind bekanntermaßen die kurzfristigen wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen der Länder: unter anderem wären da das Erdöl der Golfstaaten, der Wunsch nach ebenbürtiger ökonomischer Entwicklung der Schwellenländer, die technischen Exportgüter von Ländern wie Deutschland oder weltpolitische Pokerspielattitüden etwa von Russland. Das Ringen um einen Konsens zwischen diesen antagonistischen Kräften erzeugt einen zähen Prozess, der bisher keine fundamentalen Veränderungen einleiten konnte, weil dazu die politische Bereitschaft in den für den Prozess entscheidenden Ländern immer noch fehlt. Gleichzeitig spiegelt sich in dem gemeinsamen Vorgehen aber das historisch einzigartige Bemühen, auf demokratische Weise eine gemeinsame Willensbildung herbeizuführen. Das sollte man angesichts des weltweiten Erstarkens autoritärer Kräfte nicht vergessen

Zu einer lebenswerten Gesellschaft gehört (neben sozialer Gerechtigkeit!) nicht nur die Freiheit von desaströsen menschenverursachten Naturereignissen, sondern auch die Freiheit zur Selbstverantwortung und Selbstbestimmung. Letzteres ist nur in einem demokratischen Prozess möglich, den man aushalten muss (wie es so schön heißt) – und dessen Ausgang immer ungewiss ist. Gerade weil die Klimaschutzkonferenzen keine von „oben“ diktierten Einzelveranstaltungen sind, sondern ein weltweiter Prozess, sind sie offen für historische, eventuell auch disruptive Entwicklungen.

Politische Veränderungen gehen manchmal schnell, und zwar dann, wenn die Zeit reif ist. Dieses Jahr konnte man spüren, wie es unter der Oberfläche zu brodeln begann. Weltweit kämpfen NGOs für den Kohleausstieg, andere Lebensstile wie etwa vegane Ernährung werden immer populärer. Waldbrände und der Hitzesommer haben vielen Menschen zu denken gegeben, das Wort des Jahres in Deutschland heißt „Heißzeit“. Auch bei uns wird deutlich, dass der Klimawandel ganz reale Wirtschaftsfolgen haben wird, wie das Umweltbundesamt in seiner jüngsten Studie zeigt. Gleichzeitig gibt es jede Menge weiterer Entwicklungen, die (auch in Kombination) mögliche sprunghafte Dynamiken auslösen können – z.B. Verlust an Biodiversität, Erschöpfung der natürlichen Ressourcen, aber auch soziale Phänomene wie die Digitalisierung der Arbeitswelt, Krisen, Kriege, Flucht. Vor diesem Hintergrund sind tiefgreifende Änderungen in den nächsten zehn Jahren sehr wahrscheinlich -fragt sich nur, wie freiwillig, wie demokratisch, wie bewusst wir sie noch steuern werden können, wenn wir nicht bald einlenken.

Wo unsere Wohlstandsgesellschaft mit ihren Einkaufsroutinen aktuell steht, das zeigt sich an Weihnachten in konzentrierter Form. Angesichts der Massen an Plastikweihnachts- und Wohlstandsmüll möchte man nur ganz laut „Halt“ rufen. Doch was dann, wenn wir die Stopptaste wieder lösen? Das mindeste, was jede*r Einzelne sofort tun kann, ist, sich bei jedem Kauf zu fragen: „Brauche ich das wirklich?“ Diese achtsame Haltung, die für das CCL eine wichtige KlimaKultur-Wandel-Methode ist, hilft bei der Selbstbefreiung vom Suchtzwang der „Konsumbulimie“. Die Praxis der Achtsamkeit schärft die eigene Wahrnehmung und baut innere Stärke auf. Die werden wir garantiert brauchen, um uns gemeinsam durch die Transformation der kommenden Jahre zu navigieren.

In diesem Sinne uns allen eine klimafreundliche Navigation durch die Feiertagsklippen und einen EE*- Start ins neue Jahr!

(*energetisch erneuerten)

Wer noch mehr zur COP24 in Katowice und ihren Ergebnissen wissen will, findet hier weiter nützliche Informationen:

ZDF.de, faz.net, tagesschau.de ,  sueddeutsche.deklimareporter.de, dlf.de, BMU.de

Außerdem hat das österreichische Umweltministerium sehr gut lesbare Infos:

https://www.bmnt.gv.at/umwelt/klimaschutz/internationales/klimakonferenzen/Einigung-in-Katowice.html

https://www.bmnt.gv.at/umwelt/klimaschutz/internationales/klimakonferenzen/ergebnisse-cop24.html


[ Geändert: Donnerstag, 20. Dezember 2018, 18:59 ]
 
Nutzerbild Marian CCL
von Marian CCL - Freitag, 25. Mai 2018, 07:17
Weltweit öffentlich

In lockerer Reihenfolge stellt CCL an dieser Stelle Inspirationen zum KlimaKulturWandel vor, die Kolleg*innen im Rahmen von NKI-Projekten, der TransitionTown-Bewegung oder einem vergleichbaren Umfeld durchgeführt haben. Dieses Mal präsentieren wir „KlimaKunstSchule“, durchgeführt von BildungsCent e.V.

Alter BH mit Gras gefüllt an Baum gebunden

Foto ©Kultur!ngenieur Felix Liebig

Da staunten die Besucher eines Einkaufszentrums in Hildesheim nicht schlecht. Teenager präsentierten auf dem Laufsteg der Shopping-Mall ungewöhnliche, selbstgeschneiderte Mode: Müll gesäumte Röcke, Kleider aus Duschvorhängen und Packpapier. In Bremen wiederum zogen 35 Schüler*innen als Stadtguerilla durch die Straßen und sprachen Passanten auf den Klimawandel an. Diese und viele andere kreative Ideen entwickelten junge Lernende und stellten sich so der Herausforderung, die Öffentlichkeit auf ihren Umgang mit der Umwelt aufmerksam zu machen.

Selten wurde besser deutlich, wie Kunst den KlimaKultur-Wandel beschleunigen kann. Der Verein BildungsCent e.V. hatte mit Unterstützung der Nationalen Klimaschutzinitiative (NKI) 49 Künstler*innen dazu motiviert, in etwa 200 Schulen zusammen mit den Lernenden klimabezogen und kreativ zu arbeiten. Als Input brachten die Kulturschaffenden je einen„artistic seed“ mit, ein kreatives Samenkorn. In ihm steckten überraschende und inspirierende Ideen, was Jede*r zu einer klimafreundlicheren Welt beitragen kann, aber ebenso viele neue Methoden, dies zum Ausdruck zu bringen. Ausgestattet mit diesem neuen Wissen und beflügelt von den Anregungen der Künstler, machten sich die Schüler nun daran, eigene KlimaKunst-Projekte zu entwerfen. Insgesamt beteiligten sich etwa 5000 Lernende und ihre Lehrer*innen an „KlimaKunstSchule.

Menschen in weißen Overalls auf Treppe tragen Bilder

Foto: Schüler*innen der Ida Ehre-Schule, Hamburg © BildungsCent e. V.

Das Ergebnis ist erstaunlich und kann auf der Projekt-Webseite nachgelesen werden: http://klimakunstschule.bildungscent.de/ Dort gibt es das Buch mit allen 49 künstlerischen „artistic seeds“. Aber auch 17 besonders gut gelungene Schülerprojekte sind dort dokumentiert, darunter die oben bereits erwähnten. Was dabei vielleicht am meisten ins Auge springt, das ist das Erstaunen der Lehrer*innen. Denn diese mussten im Verlauf des Projekts zugeben, dass sie ihren Schüler*innen viele der Leistungen nicht zugetraut hätten, ja, dass sie sich nicht einmal vorstellen konnten, dass junge Menschen sich so sehr für das Thema interessieren könnten.

Wenn man den Aufbau des Programms KlimaKunstSchule“ genauer betrachtet, verwundert das unerwartete Engagement jedoch nicht. Denn die initierenden Künstler*innen sorgten dafür, dass keine Langeweile aufkam, sie gingen auf die Bedürfnisse und Bedenken der Lernenden ein und sie brachen auch hin und wieder die Regeln. So aus dem gewohnten Korsett herausgelockt, spürten die Schüler*innen, dass sie tatsächlich gefragt waren. Viele trauten sich zum erstem Mal in der Öffentlichkeit aufzutreten, die Stimme zu erheben, sich selbst zu zeigen. Die Erfahrung der Selbstwirksamkeit ist ein wichtiger Baustein für Motivation. Wichtig war aber auch, dass die Künstler*innen, aber oft auch die Schulen den jungen Leuten den Rücken stärkten. So lässt sich Mut leichter erlernen.

Genau das scheint der Knackpunkt. Es wäre wünschenswert, wenn nicht nur Schulen, sondern auch Verwaltungen sich trauen würden, kunstinspirierte Workshops abzuhalten. Für die klimafreundliche Transformation der Gesellschaft ist Mut und Phantasie nötig, doch das will zunächst im sicheren Rahmen ausprobiert werden können. Das Projekt KlimaKunstSchule erarbeitete eine Blaupause, die zeigt, wie es gelingt, die Komfortzone der eigenen Routine zu verlassen. Künstler*innen haben die Fähigkeit, einen mentalen Raum aufzumachen, der ganz anderen Blickwinkel auf die Welt normal erscheinen lässt. Die direkte Erfahrung einer alternativen „Normalität“ in der Begegnung mit Künstler*innen könnte z.B. auch in Firmen und Verwaltungen ein Funken der spielerischen Entdeckerfreude losschlagen, der die Schüler*innen so beflügelt hat.

Viele Hände mit Eisbällen

Foto: Schüler*innen des Gymnasiums Stift Keppel, Nordrhein-Westfalen © BildungsCent e. V.

Für potentielle Nachahmer bietet KlimaKunstSchule tatsächlich Anregungen. Im zweiten Teil der Dokumentation ist die Umsetzung von Ideen dokumentiert, die einige der Künstler aus den „artistic seeds“ destilliert haben und die ganz unkompliziert nachgemacht werden können. Eine Kostprobe gefällig? Bitteschön: Verkehr ist in Deutschland die Ursache für rund 20% der CO2-Emissionen. Ein Fahrrad-Smartmob im Kreisverkehr erlaubt es Autofahrern, ein paar Minuten nachzudenken. Mit zwanzig oder dreißig Freund*innen ein Weilchen im Kreis fahren und den Verkehr lahmlegen ist ausdrücklich eine Aktion, für die man nie zu alt ist und die garantiert Wirkung entfaltet.

P.S. Die einzelnen künstlerischen „artistic seeds“ und die daraus hervorgegangenen Projekte können in der Projektpublikation "Klimaschutz ist eine Kunst" nachgelesen werden. Der Verein BildungsCent e.V. bietet sie hier zum Download an.

https://klimakunstschule.bildungscent.de/fileadmin/Klimakunstschule/Das_Buch_Download/KlimaKunstSchule-Buch.pdf

Vielen Dank an BildungCent e.V. an dieser Stelle für die Veröffentlichungsgenehmigung der Bilder in diesem Beitrag.

zwei künstlerische Bilder an Bauzaun

Foto: Schüler*innen der Gemeinschaftsschule Altenholz, Schleswig-Holstein © BildungsCent e. V.

[ Geändert: Freitag, 25. Mai 2018, 07:21 ]