Kollektive Intelligenz und Kollaboration - Handreichung Teil 1

Über CCL: ClimateCulture-Lab
Reisestation/Kurs: Video-Sessions
Buch: Kollektive Intelligenz und Kollaboration - Handreichung Teil 1
Gedruckt von: Gast
Datum: Sonntag, 15. Dezember 2019, 09:44

1. Einführung

Das ClimateCulture-Lab (CCL) ist ein Projekt der nationalen Klimaschutzinitiative, deren Ziel die Reduktion von CO2-Emissionen sowie klimafreundliches Verhalten im Allgemeinen ist. Wenn Deutschland bis 2050 nahezu CO2-neutral werden soll, braucht es eine umfassende gesellschaftliche Transformation, welche die gesamte Art und Weise, wie wir leben, arbeiten und konsumieren genauso betrifft wie die Art und Weise, in der wir die Welt und uns selbst darin erleben. Daher sprechen wir im CCL vom KlimaKultur-Wandel, denn es geht um einen klimafreundlichen kulturellen Wandel im Äußeren und im Inneren. Es ist ganz klar, alleine kann dies niemand schaffen! Nur wenn möglichst viele Menschen gemeinsam zum Wandel beitragen, kann es gelingen.

In Videosession 5 Video geht es um kommunale Ansätze, die uns von kollektiver Verantwortungslosigkeit hin zu fruchtbarer Kollaboration für klimafreundliches Handeln bewegen können. Dabei ist auch eine neu entstehende Form kollektiver Intelligenz gefragt, die auf enkelfreundlichem Handeln als neue Normalität beruht.1  Wie können wir also gemeinsam Teil der Lösung werden, anstatt durch gewohnte klima-unfreundliche Routinen die Probleme weiterhin zu verschärfen?

Die Welt scheint - gerade auch angesichts des Klimawandels - an einem existenziellen Wendepunkt unserer Lebens- und Wirtschaftsweisen zu stehen. Theoretisch wissen viele Menschen in Deutschland, dass unser Verhalten hier „irgendwie“ Folgen für die ganze Welt hat und umgekehrt. Trotzdem gehen nur wenige einen Schritt weiter und verändern ihr Verhalten. Denn es ist nicht leicht, die komplexen Zusammenhänge in ihren praktischen Konsequenzen genau zu begreifen oder starke Eindrücke wirklich an sich heranzulassen und zu spüren, dass das eigene Verhalten unheilsame Auswirkungen auf Andere hat.

Besonders häufig in den Medien thematisiert sind die Zusammenhänge zwischen dem weltweiten Anstieg der CO2-Emissionen durch Regenwaldabholzung, etwa für den Anbau von Palmöl2, und der Rolle, die indigene Völker dabei spielen. In Videosession 5 wollten wir deshalb erfahren, wie die vom CCL-Projektpartner Klima-Bündnis mitgetragene internationale Zusammenarbeit zwischen Akteuren vor Ort in Amazonien (Südamerika) mit europäischen Städten, im konkreten Fall hier mit Köln, über Kontinente hinweg das gegenseitige Verständnis fördert, nachvollziehbare Erkenntnisse hervorbringt und praktische Unterstützung ermöglicht. Auf eine Formel gebracht: Wie Kollaborationen auf Augenhöhe einer enkeltauglichen kollektiven Intelligenz Auftrieb verleihen.


Kollektive Intelligenz entfalten

Für viele Menschen ist es eine große Herausforderung, ein Gefühl oder einen praktischen Bezug zu den klimatischen Entwicklungen auf anderen Kontinenten zu bekommen. In diesem Kontext scheinen Kollaboration und auch Kollektive Intelligenz eine wichtige Rolle zu spielen. So kam es auch zu einem sehr spannenden, gemeinsamen internationalen Projekt. Thomas Brose, Geschäftsführer des Klima-Bündnis und Kölns dritter Bürgermeister Andreas Wolter sprechen im Video darüber, warum ihr gemeinsames Projekt im nationalen KlimaKultur-Wandel vor Ort so bemerkenswert ist und aus welcher Situation, aber auch Motivation heraus, dieses außergewöhnliche Projekt entstand.

Das Klima-Bündnis als europäisches Städtenetzwerk, in dem über 1700 Städte, Gemeinden und Regionen aus 26 europäischen Ländern vertreten sind, setzt sich seit fast 30 Jahren in Partnerschaft mit indigenen Völkern gemeinsam für lokale Antworten auf den globalen Klimawandel ein. Auch die Stadt Köln ist ein langjähriges Mitglied. In Video-Session 5 stellen unsere Gesprächspartner ihre ganz spezielle Kooperation zwischen der großen nordrhein-westfälischen Metropole und der peruanischen Gemeinde Yarinachocha im Amazonas-Departament Pucallpa vor. Im Zentrum dieses Austausches steht einerseits die Rolle, die die indigene Bevölkerung für den Klimaschutz in Südamerika und für den KlimaKultur-Wandel (nicht nur) in Deutschland spielen kann. Auf der anderen Seite geht es um den Einsatz deutscher Handlungsmacht, sei es als Verbrauchermacht bei der Veränderung von Konsum-Gewohnheiten oder als öffentlicher/internationaler Beistand im Kampf gegen die Regenwaldabholzung. Nicht zuletzt geht es aber auch um die aktive Nutzung hilfreicher Rahmenbedingungen. Denn die besondere Kooperation kam im Rahmen des innovativen Programms der „50 Klimapartnerschaften“ der „Servicestelle Kommunen in der Einen Welt“ (SKEW) des (BMZ) zu Stande.


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1 Siehe dazu weiter unten die Definition von "Kollektive Intelligenz"

2 Laut Greenpeace und WWF steckt Palmöl heute in etwa jedem zweiten Produkt, das in deutschen Supermärkten zu kaufen ist. 

1.1. Gesprächspartner

Andreas Wolter

ist als Diplom-Betriebswirt im Rechnungswesen eines großen Dienstleistungsunternehmens beschäftigt.

Er ist ehrenamtlich in der Kommunalpolitik engagiert und seit 2004 direkt gewähltes Ratsmitglied der Kölner Grünen. Zudem ist er Vorsitzender des Verkehrsausschusses und seit 2014 als Bürgermeister der Stadt Köln der dritte Stellvertreter der Oberbürgermeisterin Henriette Reker.

Wolter ist langjähriges Vorstandsmitglied des Deutsch Französischen Ausschusses im Rat der Gemeinden und Regionen Europas. Sein jüngstes Projekt ist die Initiierung der Klimapartnerschaft zwischen der Stadt Köln mit indigenen Gemeinschaften im Amazonasgebiet in der Gemeinde Yarinacocha in Peru.

Er sagt: „Die direkten Partnerschaften, wie z.B. die Klimapartnerschaft, die die Stadt Köln jetzt mit einer Gemeinde in Peru eingegangen ist, eröffnet die Möglichkeit auch voneinander zu lernen.“


Thomas Brose

ist Agraringenieur, Entwicklungspolitologe und Geschäftsführer des Klima-Bündnis. Er ist in Brasilien aufgewachsen und studierte internationale Agrarwirtschaft. In den 1990-Jahren arbeitete er als Entwicklungshelfer des Deutschen Entwicklungsdienstes DED dreieinhalb Jahre in einer Kleinbauerngewerkschaft im Nordosten Brasiliens.

Seit 2000 arbeitet er als Geschäftsführer in der europäischen Geschäftsstelle des Klima-Bündnis und ist verantwortlich für die Kooperation mit der COICA , der Dachorganisation der indigenen Völker Amazoniens. Er kennt die Problematik der Amazonas-Zerstörung durch seine jahrzehntelange berufliche Auseinandersetzung mit diesem Thema sowie von vielen Besuchen in Amazonien. Er sagt: „Unsere indigenen Partner nutzen die Stärke der kollektiven Intelligenz noch stärker und die kulturellen Aspekte sind eng verwoben auch mit der politischen Arbeit. ‚Was können wir aus diesen Ansätzen lernen für unsere notwendigen Transformationsprozesse?‘ - das ist eine der wichtigen Fragen, mit denen wir uns auch beschäftigen.“


2. Eine außerordentliche Kooperation, ihre ungewöhnlichen Bestandteile und Partner

Bei der in Video-Session 5 aufgezeigten Kooperation zwischen der Stadt Köln als Mitglied des Klima-Bündnis und der Gemeinde Yarinacocha handelt es sich um eine sogenannte Klimapartnerschaft. Im Gegensatz zu traditionellen Städtepartnerschaften geht es dabei nicht nur darum, sich kennen zu lernen, sondern vor allem darum, Klimaschutzstrategien und Projekte umzusetzen. Das hier aufgezeigte Beispiel will Kommunen inspirieren, selbst eine Klimapartnerschaft einzugehen.


Das SKEW-Klimapartnerschaftsprogramm

Seit 2011 gibt es das offizielle Programm der SKEW, die das Kompetenzzentrum für kommunale Entwicklungspolitik in Deutschland ist und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung untersteht. Grundgedanke ist es, die fachliche Zusammenarbeit deutscher Städte mit Kommunen im globalen Süden in den Bereichen Klimaschutz und Klimaanpassung zu stärken. Die Zusammenarbeit erfolgt nach einem festgelegten Arbeitsprogramm, das u.a. eine vorgeschriebene Anzahl von Treffen zwischen den Kommunalvertreter*innen der beteiligten Länder vorsieht3.  „Wichtigste Voraussetzung für die Teilnahme am Projekt ist die Bereitschaft mit der Partnerkommune ein gemeinsames Handlungsprogramm zu Klimaschutz und Klimaanpassung zu erstellen und langfristig zusammenzuarbeiten“4,  heißt es auf der SKEW-Webseite. Themen dieser Projekte können Müllentsorgung, Plastikvermeidung, Elektromobilität und vieles mehr sein. Ganz besonders wichtig ist, dass die Zielgruppe des Projekts einerseits Akteure aus Kommunalverwaltung und -politik umfasst, andererseits aber auch ausgewählte zivilgesellschaftliche Akteure in den jeweiligen Partnerstädten.


Die neue wichtige Rolle von Kommunen im Klimaschutz

Das Programm der SKEW trägt der Tatsache Rechnung, dass Kommunen im internationalen Klimaschutz eine immer wichtigere Rolle spielen. Dies hängt direkt mit den Ergebnissen des Prozesses zusammen, der im Klimaschutzabkommen von Paris 2015 mündete5. Es legt als globalen Rahmen fest, dass die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad gehalten werden muss. Mit den direkt vor der Pariser Klimaschutzkonferenz im Jahr 2015 vorgestellten nationalen Aktionsplänen kann dieses Ziel allerdings noch lange nicht erreicht werden. Deshalb müssen die Länder alle fünf Jahre eigene neue Ziele vorlegen, die immer anspruchsvoller werden sollen. Beispielsweise verpflichtet das Abkommen unter anderem alle Länder zur "Bewahrung und Erweiterung" von CO2-"Senken und Reservoiren" wie Wälder und andere Ökosysteme. Um wirklich alle Kräfte im Klimaschutz zu bündeln und zu aktivieren, erhielt auch die lokale Ebene eine zentrale Bedeutung als wichtige Ergänzung zur nationalen Ebene. Dies ist eine ganz besonders wichtige Neuerung von „Paris“: die gestärkte Rolle, die subnationale Akteure wie etwa Städte bei der Erreichung der nationalen Selbstverpflichtung spielen können.


Wie Köln und Yarinacocha Partner wurden

„Das Klima-Bündnis als größtes europäisches Städtenetzwerk mit einer Kooperation mit den indigenen Völkern Amazoniens nimmt regelmäßig an den internationalen Klimakonferenzen (COPs) teil. Seit einigen Jahren sind auch kommunale Vertreter*innen als „Botschafter“ für das Klima-Bündnis auf den COPs unterwegs, um die Arbeit des Klima-Bündnis vorzustellen“, berichtet Thomas Brose im Gespräch mit der Infostelle Peru6.  Er fährt fort: „In 2016 war der Kölner Bürgermeister Andreas Wolter auf der Konferenz in Marrakesch in dieser Funktion und hat dort durch die Vermittlung von INFOE e.V. Kontakt mit einer indigenen Delegation gehabt, die vor allem auf die Situation des Ausbaus von Palmölplantagen im Regenwald Perus und die dadurch entstehende Bedrohung indigener Gemeinden aufmerksam machen wollte. Bei dieser Gelegenheit hat Robert Guimaraes, der Vertreter des Indigenenverbandes, den Bürgermeister nach Peru eingeladen“.

Kölns Bürgermeister Andreas Wolter fuhr also Anfang des Jahres 2017 nach Yarinacocha. Doch zuvor hatte im Dezember 2016 der erste Besuch durch drei indigene VertreterInnen, darunter zwei aus Yarinacocha, in Köln stattgefunden7. Robert Guimares, Miriam Soria Gonzales und Lyndon Pishagua wurden im Rathaus empfangen und erläuterten bei einem von INFOE organisierten Fachgespräch mit VertreterInnen des Kölner Stadtrates und der Stadtverwaltung, sowie am folgenden Tag in der Abteilung für Altamerikanistik sowie des Interdisziplinären Lateinamerika-Zentrums der Universität Bonn die aktuelle Situation bei sich vor Ort8. Guimares ist Aktivist und Präsident der Feconau (Zusammenschluss der indigenen Gemeinden des Ucayali Flusses und seiner Nebenflüsse), die wiederum Mitglied in AIDESEP ist, einem peruanischen indigenen Dachverband, welcher zur COICA gehört. Mit der COICA, dem Dachverband aller indigenen Organisationen Amazoniens, arbeitet das Klima-Bündnis schon viele Jahre zusammen. Dennoch stellt die neue Kooperation, die sich aus den Besuchen ergab, etwas ganz Besonderes dar. Um das zu verstehen, müssen wir den Blickwinkel nochmals weiten.



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3 https://skew.engagement-global.de/hintergrundinformationen-zum-projekt.html

4 ebd.

5 Die wichtigste internationale Institution für den Klimaschutz ist der Prozess, der 1992 in Rio beschlossen wurde und seit 1995 auf Basis vielfältiger Zwischenverhandlungen jeweils in der alljährlichen „Conference of Parties“, COP, umgangssprachlich Klimagipfel oder Klimakonferenz, mündet. Der Klimagipfel von Paris war die 21. Konferenz, COP21.

6 http://www.infostelle-peru.de/web/koeln-hat-einen-neuen-klimapartner-in-peru/

7 https://www.ila-web.de/events/empfang-indigener-g%C3%A4ste-aus-peru-im-k%C3%B6lner-rathaus

8 https://www.infoe.de/images/Pdf/UniBonn_9_12_16-final.pdf


3. Was die indigenen Völker mit dem Klimawandel zu haben

Der Klimawandel ist eine globale Herausforderung

Mittlerweile ist hinreichend bekannt, dass der Klimawandel eine globale Herausforderung ist. „(Es)ist vielleicht noch mal wichtig, sich klarzumachen, dass selbst schon bei einer Temperaturerhöhung von ein bis zwei Grad die Korallenriffe vollständig verschwinden werden, jedenfalls das Risiko gegeben ist, dann die Instabilität des Grönland-Eisschildes und der Verlust antarktischer Eismassen.“9  Wir im Norden sind vor allem als Verursacher der historisch gewachsenen CO2 Emissionen dafür verantwortlich10. Die Auswirkungen der negativen Folgen des Klimawandels spüren aber besonders diejenigen, die nicht zum Problem beigetragen haben, z.B. die indigenen Völker in Amazonien (sowie alle Gruppen, die in enger Abhängigkeit ihres jeweiligen Ökosystems leben). Es handelt sich also um ein Problem der fehlenden Klimagerechtigkeit, bzw. der existierenden Klima-Ungerechtigkeit.


Palmölplantagen statt Urwald

Eine weltweite Herausforderung für das Klima ist das Abholzen von Regenwald, um z.B. Palmöl anzubauen. Palmölanpflanzungen werfen riesige Renditen ab, denn die Nachfrage nach dem Öl ist groß. Ob Eiscreme, Knabberzeug, Tütensuppen, Cremes, Nutella, Cremes und Pflegeartikel usw.- in jedem zweiten Supermarkprodukt steckt Palmöl11, 12. Neben der internationalen Lebensmittel- und Kosmetikindustrie ist aber ausgerechnet der Klimaschutz ein wichtiger Nachfragetreiber. Die EU und andere Länder wie Peru haben in ihren Klimaschutzstrategien den Ersatz von fossilen Brennstoffen durch Zugabe von Biodiesel z.B. aus Palmöl beschlossen. Dies zeigt, dass der Versuch, den Klimawandel zu bekämpfen, oft weitere problematische Lösungen hervorbringt13


Einschub: Warum ist der Erhalt des Urwalds so wichtig?

Regenwald ist wie jeder Wald eine Kohlenstoffsenke, d.h. indem er wächst speichert er CO2 und produziert Sauerstoff. Einfacher gesagt, er atmet CO2 ein und Sauerstoff aus und heißt deshalb auch „grüne Lunge“.14, 15  Zahlenmäßig ausgedrückt: ein durchschnittlicher Hektar Regenwald bindet jährlich rund 5 – 20 t Kohlendioxid aus der Atmosphäre und beherbergt in seiner Biomasse ständig rund 250 t Kohlenstoff16.  Im Gegensatz zur Monokultur der Palmölplantagen laugt er außerdem die Böden nicht aus. Primärer Urwald bietet Lebensraum für Tiere und Pflanzen, die alle zu einem nachhaltigen Naturkreislauf beitragen. Wird Urwald für Palmölplantagen gerodet, wird nicht nur eine besonders intensive Kohlenstoffsenke zerstört, sondern auch ein ineinandergreifendes Biosystem, das die Lebensgrundlage der indigenen Völker ist.


Indigene Völker haben das Nachsehen

Es ist nicht nur ungerecht, dass die indigenen Völker direkt unter dem Klimawandel leiden, den wir maßgeblich verursacht haben. Zusätzlich leiden sie unter den Palmölplantagen, denn zum Anbau von Palmöl wird viel Platz gebraucht. Der ist in Form von Primärurwald vorhanden – dazu gehören auch die im Prinzip rechtlich anerkannten Territorien der Indigenen. Investoren in der Region Ucayali, zu dem die Gemeinde Yarinacocha gehört, ist es unter zum Teil Einsatz fragwürdigster Methoden gelungen, sich dieser Gebiete zu bemächtigen.

„Nirgendwo sonst in Peru sind so viele Flächen für den Anbau von Ölpalmen und Kakaopflanzen abgeholzt worden wie hier. 13.000 Hektar Land wurden in dem Gebiet in Perus Osten umgewandelt.“17  Möglich wurde dies laut der Umweltorganisation Proética aufgrund von Korruption bei der Vergabe der Landrechte und durch Einschüchterung der (meist nicht-indigenen) Kleinbauern. Außerdem wurden Besitztitel für Ländereien auf dem indigenen Territorium illegal vergeben.18, 19  Dadurch wurden gesetzliche kollektive Eigentumsrechte der Gemeinschaft verletzt. Gleichzeitig ist es in Peru wie an vielen Orten dieser Erde: die indigene Bevölkerung wird von der eigenen Regierung nicht ernst genommen und hat kaum eine Lobby.


Die naturverbundene Lebensweise der indigene Völker ist Teil der Lösung – und gleichzeitig bedroht

An dieser Stelle kommt die Lebensweise der indigenen Bevölkerung ins Spiel. Im Gegensatz zu unserer hochtechnisierten, dem Wirtschaftswachstum verpflichteten Alltagskultur aus Ressourcenverbrauch, Müllproduktion und Fortschrittsglauben beruht das indigene Leben auf Naturverbundenheit. Dazu gehört der Natur nur das zu entnehmen, was man ihr wieder zurückgeben kann, aber auch eine WIR-Kultur des solidarischen Zusammenlebens. Als Träger traditionellen Wissens gelingt es indigenen Völkern, fragile Ökosysteme zu erhalten und gleichzeitig zu bewirtschaften. Die indigene Lebensweise ist also ein Paradebeispiel für klimafreundliches Leben, das auch Inspirationen für uns bereithält.

Seit der Anpflanzung der Palmölplantagen gelingt es der indigenen Bevölkerung allerdings kaum noch so zu leben. Denn mit der Rodung und der zunehmenden Belastung des Bodens durch Pflanzenschutzmittel aus den Palmplantagen, verringerte sich die Anzahl der großen Tiere ebenso wie die der Vögel und Fische. Die traditionelle Form der Nahrungsbeschaffung ist so nicht mehr möglich. Mit der Zerstörung des Regenwaldes wird dem Klima daher direkt UND kulturell geschadet.


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9 Edenhofer fährt fort: „Das steht also alles im Raum, ebenso der Meeresspiegelanstieg, aber wir müssen ja damit rechnen, dass wir sehr viel stärker die globale Mitteltemperatur anheben, eher vier Grad. (…) Also, wenn wir uns mal vorstellen, dass der 1,5 Grad-Bericht des IPCC zwar sagt, wir haben vielleicht ein paar Hundert Gigatonnen, 300 Gigatonnen mehr CO2-Budget zur Verfügung, dann muss man feststellen, das haben wir ja schon völlig verfrühstückt, denn alleine 300 Gigatonnen würden schon aufgebraucht durch die Kohlekraftwerke, die sich im Bau befänden und die jetzt schon Strom lieferten. Also, die werden über ihre ökonomische Lebenszeit hinweg alleine schon 330 Gigatonnen emittieren.“ Ottmar Edenhofer im Interview mit dem Deutschlandfunk

10 Im Jahr 2006 allerdings überholte China, das sich damals noch zu den sog. Entwicklungsländern zählte, die USA im CO2-Ausstoß und ist seitdem die Nummer 1.

11 https://www.wwf.de/themen-projekte/landwirtschaft/produkte-aus-der-landwirtschaft/palmoel/

12 Ganz abgesehen davon sind diese von Konzernen wie Unilever oder Nestlé hergestellten Lebensmittel zum größten Teil ungesund, weil sie hochverarbeitet sind und zu viel Fett, Zucker und/oder Salz enthalten

13 Die Kontroverse Naturschutz versus Klimaschutz, wie wir sie z.B. in Deutschland kennen aus der Gegnerschaft zwischen Vogelschützern und Windkraftfreunden, kann man auch in Amazonien sehen: der Ausbau von Wasserkraftwerken in Amazonien zeigt die Widersprüche auf, dass umweltfreundliche Energieproduktion durchaus auch verheerende negative soziale Folgen haben kann.

14 https://www.dw.com/de/erkl%C3%A4rfilm-was-ist-eigentlich-wald-und-wozu-ist-er-da/a-44597252

15 https://www.dw.com/de/notruf-aus-dem-wald-die-erde-verliert-ihre-gr%C3%BCne-lunge/a-44908786

16 ASTM/Klima-Bündnis Luxemburg (Hrsg.), 2013: Wie alle sind Zeugen – Menschen im Klimawandel, S. 15

17 https://www.dw.com/de/macht-korruption-gigantische-palm%C3%B6l-plantagen-in-peru-erst-m%C3%B6glich/a-44017120

18 Hier die mit finanzieller Unterstützung der Bundesregierung dazu erstellte Studie

19 Einen sehr spannenden weiterführenden Artikel zu den teilweise kriminellen Machenschaften gibt es hier: https://www.zeit.de/2016/38/peru-kokain-drogen-un-hans-jochen-wiese/komplettansicht

4. Warum es so wertvoll ist, dass Köln und Yarinacocha Partner sind

Die indigenen Völker in Amazonien sind also wichtige Akteure und Inspirationsquelle auch für uns im Norden bei der Suche nach Lösungen im KlimaKultur-Wandel. In ihren Gebieten (rechtlich anerkannte Territorien) befinden sich noch ca. 30% des im Ökosystem Regenwald befindlichen Kohlenstoffes. Sie bei ihren Anstrengungen zum Schutz ihrer Gebiete zu unterstützen, hat insofern nicht nur soziale Folgen, sondern verhindert zusätzliche Emissionen durch die Zerstörung von Regenwald und ermöglicht, dass wir von ihnen lernen können. Die Klimapartnerschaften sind hierfür ein gutes Instrument. Sie verbinden im Rahmen gemeinsamer Klimaschutzanstrengungen unterschiedliche Realitäten und Akteure miteinander.

Im Sommer 2017 hatte der Rat der Stadt Köln die Kooperation mit der Kommune Yarinachocha ganz offiziell beschlossen20, ganz so, wie es das Programm der SKEW, über das der Austausch auch finanziell ermöglicht wird, formell vorsieht. Die erste offizielle Delegationsreise der deutschen RepräsentantInnen nach Yarinacocha im Februar 2018 erregte sofort das Interesse der übergeordneten Regionalregierung in Peru, auch ein Treffen mit dem deutschen Botschafter fand statt. Schließlich ist die Stadt Köln eine wichtige europäische Metropole und Yarinachocha Teil einer dynamisch wachsenden Region nahe der Stadt Pucallpa. Aber das Besondere war nicht nur die Begegnung zweier ungewöhnlicher Kommunalpartner. Genauso wichtig war die Rolle der Brückenfunktion, die das Klima-Bündnis bei dem Treffen spielte. Einerseits vertrat es seine Mitgliedkommune Köln und andererseits seine indigenen Partner, die normalerweise auf der Kommunalebene in Yarinachocha keine Fürsprecher haben. Das Klima-Bündnis schaffte hier eine Verbindung, indem es die indigene Organisation Feconau als Teil der Zivilgesellschaft -ganz wie im SKEW-Programm vorgesehen- als weiteren zentralen Akteur unterstützte. Das Besondere daran waren die Aufmerksamkeit und die offizielle Aufwertung, die die indigenen Belange auf diese Weise erfuhren.

Denn vor Ort in der Region Ucayali waren und sind die Verhältnisse verhärtet. Die indigene Bevölkerung befindet sich im (Rechts-)Streit mit verschiedenen Verwaltungsebenen. Ihre Forderungen nach Anerkennung und/oder Restaurierung ihrer Landbesitztitel stoßen vielfach auf taube Ohren. Robert Guimares, der sich seit Jahren dafür einsetzt, hat sich dadurch bei den Plantagenbesitzern mehr als unbeliebt gemacht und zahlreiche Todesdrohungen erhalten21.  Er appellierte immer wieder vergeblich an die Regional- und Nationalregierung, das Ministerium für Landwirtschaft und das Ministerium für Umwelt. „Einerseits“, so zitiert ihn INFOE, „werden Gelder für den Schutz des Waldes entgegengenommen und andererseits wird die Zerstörung und die Verletzung unserer Territorien ermöglicht."22

Durch den Besuch der offiziellen deutschen Delegation kam Bewegung in die festgefahrene Situation in der Ucayali-Region. Die Tatsache, dass sich das Klima-Bündnis zusammen mit dem Bürgermeister der Metropole Köln für die indigenen Belange stark machte, führte dazu, dass Indigene erstmals in einen Dialog mit der Stadtverwaltung mit Yarinacocha eingebunden und ernst genommen wurden.

An dieser Stelle zeigt sich besonders deutlich, wie in ungewöhnlichen Kooperationen der Keim für eine neue Form der kollektiven Intelligenz angelegt ist. Man könnte es folgendermaßen auf den Punkt bringen: Einerseits unterstützt die SKEW Kommunen, Projekte effektiv und im offiziellen Rahmen umzusetzen. Andererseits setzt sich das Klima-Bündnis für die Interessen der indigenen Bevölkerung ein. Ihre Lebensweise und ihr Wissen, die bisher vor Ort keine anerkannte Sichtbarkeit hatten, erhalten durch diese Kombination eine offizielle Aufwertung. Die indigene Perspektive wird so auf hierarchischen Ebenen präsentiert, die sich vorher verschlossen haben und die jetzt gefordert sind, sich damit auseinanderzusetzen. Das indigene Wissen fließt in neue Kanäle ein. Dies gilt umgekehrt natürlich auch für die Partnerstadt Köln in Deutschland. Und damit wären wir beim Thema KlimaKultur-Wandel angelangt.

Was genau können wir von Leuten wie Robert Guimaraes lernen? Bei dem Austausch geht es auch darum, die unterschiedlichen kulturellen Ansätze (die westliche wissenschaftliche Sicht gegenüber dem traditionellen Wissen der indigenen Kulturen) besser zu verstehen und miteinander zu verbinden. Vor Ort in Köln ging das ganz direkt. Als Teil des SKEW-Programms mit seiner verbindlichen Anzahl an Delegationsreisen hielt Robert Guimaraes verschiedene Aufklärungsvorträge in Köln, u.a. an Schulen und Universitäten. Hier kann man ihm und jenseits geschriebener Texte die Bedrohung spüren, unter der die Indigenen zu leiden haben. Praktische Konsequenzen sind einerseits, dass sich aus diesen Begegnungen Fair-Trade-Beziehungen rund um landestypische Waren ergeben. Vor allem aber wird ein umfassender und fühlbarer Bewusstseinsanstoß vermittelt: Wie leben wir eigentlich? Wo ist überall Palmöl drin, kann man den Konsum davon überhaupt vermeiden?23 Wie müssten wir leben, damit wir nicht ein Vorbild sind, das Lebensgrundlagen zerstört? Wie kann die Lebensweise der Indigenen uns inspirieren? Wie können wir in der Folge handeln, um eine kollektive Intelligenz zu entfalten, die klimafreundliche Lebens- und Wirtschaftsweisen ermöglicht?


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20 Für die erfahrene nordrhein-westfälische Metropole war es bereits das dritte kommunale Entwicklungszusammenarbeitsprojekt - mit Corinto in Nicaragua gibt es seit 1988, mit Rio de Janeiro seit 2011 eine Zusammenarbeit

21 https://www.dw.com/de/todesdrohungen-f%C3%BCr-peruanische-palm%C3%B6laktivisten/a-42653023

22 https://www.infoe.de/themen/wald/252-santa-clara-uchunya-und-feconau-reichen-klage-gegen-peruanische-behoerden-und-auf-schutz-vor-plantaciones-pucallpa-sac-ei

23 https://utopia.de/galerien/palmoel-produkte-marke-palmoelfreie-alternativen/

4.1. Einschub: Was ist eigentlich kollektive Intelligenz?

Laut dem ‚Gabler Wirtschaftslexikon‘24 bezeichnet kollektive Intelligenz „das Phänomen, dass die Gesamtheit der Handlungen vieler einzelner Personen zu einer adäquaten Lösung für ein übergeordnetes Problem führt. Die kollektive Intelligenz basiert auf der Grundidee, dass zwar einzelne Handelnde bei der Lösung eines Problems falsch liegen können und zu einer schlechten Lösung gelangen, die Handelnden in der Masse jedoch zu einem möglichst guten Ergebnis kommen.“

Es geht also darum, dass für möglichst viele Leute klimafreundliche Wertmaßstäbe zur Grundlage ihres Denkens, Fühlens und Handelns und damit zum selbstverständlichen Ausganspunkt vernünftigen Verhaltens werden. Kollaboration und Austausch mit Menschen, die traditionell klimafreundlich leben, sind hierfür eine wichtige Inspirationsquelle. Denn in der Begegnung mit einer gelebten Erfahrung spüren wir die komplexen Zusammenhänge viel schneller und direkter als beim Lesen eines Textes. Beim direkten Gespräch mit Jemanden, der das Wissen aus einer anderen Welt verkörpert, werden wir inspiriert und motiviert. Die Bürger*innen von Köln können dies persönlich erfahren. Wem sich solche Gelegenheit nicht bietet, oder wer darüber hinaus mehr wissen will über das Weltbild aus Amazonien, der kann auf das Konzept „Buen Vivir“ zurückgreifen.


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24 https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/kollektive-intelligenz-51851/version-275002

5. Das Konzept des Buen Vivir

Das Konzept Buen Vivir (Gutes Leben) erfasst in seiner Offenheit und Vielfalt insgesamt die Wertvorstellungen und Weltanschauung der indigenen Völker der Anden. Weit entfernt von der Idee des „Dolce Vita“ hinterfragt es die westlich geprägten Vorstellungen von Entwicklung und Fortschritt. Es zielt auf ein Gleichgewicht mit der Natur, der Verringerung sozialer Unterschiede und ein solidarisches Wirtschaften. Politisch steht es für eine vielfältige Demokratie mit viel Spielraum für zivilgesellschaftliche Partizipation. Dabei beruft es sich „auf die viel längere Tradition des indigenen Denkens gegenüber der christlich-okzidentalen Tradition, die als egozentrisch und eurozentrisch abgelehnt wird.“25  In einer sehr informativen Broschüre der Heinrich Böll-Stiftung kann man nachlesen, wie Teile des Konzepts im Jahr 2008 dank des damaligen Präsidenten der Verfassungsgebenden Versammlung von Ecuador, Alberto Acosta, sogar Eingang fanden in die neue Verfassung von Ecuador26

„Buen Vivir“ ist ein lebendiger Vermittlungsansatz, der ganz unterschiedliche Lebenswirklichkeiten adressiert. „Den Ansatz des „Buen Vivir“ verstehe ich als einen weiteren Versuch der Übersetzung indigener Konzepte und Denkweisen in unsere westliche Realität. In diesem Fall wurde es sogar in die Verfassungen Ecuadors und Boliviens eingebaut, also in einen nationalen Rechtsrahmen“ sagt Thomas Brose.

Alberto Acosta reist damit auch als Botschafter durch die Welt, um es bekannt zu machen. Das "Gute Leben" übersetzt verschiedene indigene Ansätze in eine Sprache, die bei unseren Denkgewohnheiten und unserer Realität anschlussfähig ist. Das ist aber noch nicht alles.

Mindestens genauso wichtig ist, dass dieses Konzept Augenhöhe herstellt mit unserem Denken und sich damit von der hierarchischen Vorstellung einer Entwicklungspolitik verabschiedet. „Die Ideen von Buen Vivir kann man nicht in der Moderne einordnen“27 , sagt Alberto Acosta. In dem Konzept steckt eine Entwicklungskritik, es ist keine Entwicklungsalternative. Denn im indigenen Denken hat die lineare Vorstellung von Weiterentwicklung keinen Platz. Es geht vielmehr um etwas wirklich Anderes, um etwas Gemeinschaftliches, um verschiedene Arten des guten Zusammenlebens „von Menschen in einer Gemeinschaft, von verschiedenen Gemeinschaften und von Individuen und Gemeinschaften einerseits und der Natur andererseits.“28 

Acosta illustriert dies an Hand von Beziehungsformen: da gibt es z.B. Minka, eine Form kollektiver Arbeit, Ranti-Ranti, ein umfassendes Tauschsystem, bei dem Werte, Produkte und Arbeitstage verkettet sind oder Waki, die Zuteilung landwirtschaftlicher Flächen an andere, wenn man selbst nicht da ist.29 Die Beziehungsformen spiegeln drei Prinzipien wider: Gemeinschaft, Verbundenheit mit der Natur und geistige/spirituelle Beziehung.

In Vorträgen erläutert Acosta auch, wo diese Prinzipien bei uns im globalen Norden bzw. in Deutschland ihre Äquivalente haben. Beispiele für Gemeinschaft sind die Bewegung „Solidarische Landwirtschaft“, Produktionsgenossenschaften, kommunale Währungen oder die Bürgerenergiewende. Verbundenheit mit der Natur findet sich in der Bewegung für die Rechte der Natur (Biokratie)30. Hier geht es darum, die Natur als Rechtssubjekt zu etablieren. Verbundenheit mit der Natur zeigt sich auch im Bewusstsein, dass Wasser ein Gemeingut ist und nicht privatisiert werden darf. Beim Thema „spirituelle Beziehungen“ betont Acosta die Rolle von Vertrauen und Solidarität.

Aber natürlich kommt auch die Kultur im engeren Sinn nicht zu kurz. Auf seinen vielfältigen Vortragsreisen wird Acosta oft begleitet von der Musikerformation Grupo Sal. Beschwingt gelingt es ihr, auf der emotionalen Ebene im gemeinsamen Verstehensprozess Resonanzen zu erzeugen und zu zeigen, worin die Chancen für den kommunalen Klimaschutz im Dialog mit indigenen Völker liegen und was uns diese geben können. Was wir daraus lernen können? Wege zu einer Gesellschaft des einfachen Wohlstands, der Freude des Zusammenseins, dem Einklang mit der Natur: Statt Egoismus Komplementarität, statt Wachstum Nachhaltigkeit, statt Profit Gegenseitigkeit, statt Akkumulation Kooperation, statt Effizienzsuche Suffizienz.


Buen Vivir und Suffizienz

Wenn man die neun Forderungen einer neuen Lebensphilosophie des Buen Vivir durchliest31,  sieht man schnell, dass es viele Gemeinsamkeiten mit den Forderungen nach einer Suffizienzökonomie gibt, wie man sie aus der Degrowth-Bewegung kennt. „Das Buen Vivir trifft sich offensichtlich mit anderen Bestrebungen, die aufgrund eines allgemeinen Unbehagens an überkommenen Wachstums- und Fortschrittskonzepten nach neuen Ideen suchen.“32  Auch der Gemeinschaftsfokus des Konzepts hat Vorläufer; Alberto Acosta nennt ausdrücklich Ivan Illichs Idee der Konvivialität als Inspirationsquelle. Der austroamerikanische Kulturkritiker Ivan Illich war auf Seiten des globalen Nordens ein wichtiger Vorbereiter für den Suffizienzgedanken, den sein Mitstreiter und Schüler, der Soziologe Wolfgang Sachs 1993 im deutschsprachigen Raum zum ersten Mal verwendete und in seinen vier „E“ zusammenfasste: Entrümpelung, Entflechtung, Entkommerzialisierung, Entschleunigung.33, 34   Sachs sprach damals von einer „Suffizienzrevolution“, die nötig sei.

Seitdem sickerte der Suffizienzgedanke über die unterschiedlichsten Kanäle in die Gesellschaft ein. Ein weiterer wichtiger Verfechter des Konzepts in Deutschland ist der Volkswirt Niko Paech35, der den Begriff „Postwachstumsökonomie“ prägte. International diskutiert wird die Notwendigkeit eines freiwilligen Wandels „zu einer gerechten, partizipativen und ökologisch nachhaltigen Gesellschaft“36  spätestens seit 2008 auf den alle zwei Jahre stattfindenden Degrowth-Konferenzen. Während jedoch noch im Jahr 2014 der Rechtsanwalt und Wissenschaftler Hermann Ott den Abstand der dort diskutierten Wirtschaftsmodelle zur Politik als „unglaublich groß“37  bezeichnete, hat sich bereits 2018 das Blatt gewendet. Im September dieses Jahres tagte in Brüssel die „Post-Growth 2018 Conference“38, zu der fünf Fraktionen des Europaparlaments aufgerufen haben. Unterstützt wurden sie durch einen Appell von über 200 Wissenschaftler*innen39, die sich auf die immer stärker werdende Bewegung für eine Postwachstumsbewegung bezieht und die europäische Politik u.a. auffordert, Alternativen zu entwickeln.


Entfaltung der Kollektiven Intelligenz im kommunalen KlimaKultur-Wandel-Alltag

Die Kollektive Intelligenz ist also schon dabei, sich an der gerade entstehenden Realität einer anderen Welt auszurichten. Das Bewusstsein, dass wir alle betroffen sind und umsteuern müssen und dass Wachstum als Modell nicht mehr funktioniert, verbreitet sich. Immer mehr Menschen nehmen wahr, dass etwas mit unserer Lebensweise nicht stimmt. Wichtig ist, dass dies gemeinsam geschieht, dass wir gemeinsam fühlen, was eine Sackgasse ist und wo die Auswege liegen. Dann fällt es auch nicht mehr so schwer, vom Bewusstsein ins Handeln zu kommen. Wissen allein genügt nicht – es geht um das Gefühl der inneren Gewissheit, gemeinsam anders handeln zu wollen und etwas bewegen zu können.

Im direkten Kontakt mit den Botschafter*innen einer alternativen Lebensweise aus Amazonien können auch Kommunen diesen Impuls für eine neue kollektive Intelligenz aufgreifen. Bei der gemeinsamen Umsetzung von Klimaschutzprojekten entsteht jene kulturell befruchtende Begegnung, die nötig ist für die nächsten Schritte in eine enkelfreundliche Zukunft. Unter https://skew.engagement-global.de/kommunale-klimapartnerschaften.html finden sich alle Informationen, die zur Beantragung der finanziellen Unterstützung einer Klimapartnerschaft durch das SKEW nötig sind. Aber auch unabhängig davon gibt es zahlreiche Kooperationsmöglichkeiten


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25 Vatheuer, Thomas (2011): Buen Vivir. Eine kurze Einführung in Lateinamerikas neue Konzepte zum guten Leben und zu den Rechten der Natur. S. 11. Band 17 der Schriftenreihe Ökologie; Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin, abgerufen unter https://www.boell.de/sites/default/files/Endf_Buen_Vivir.pdf

26 ebd. S.16

27

28 Acosta, Alberto (2016): Die Welt aus der Perspektive des Buen Vivir überdenken; Übersetzt von Mercè Ardiaca Jové; S. 11, download unter: https://www.degrowth.info/de/dib/degrowth-in-bewegungen/buen-vivir/

29 ebd.

30 https://www.rechte-der-natur.de/de/

6. Weiterführende Quellen und Links

Gutes Leben ist einfach
http://overdeveloped.eu/de/overdeveloped.html

Ausstellung Klimazeugen
http://overdeveloped.eu/de/inspiration/exhibitions.html

Brücken nach Amazonien
http://overdeveloped.eu/de/aussensicht/bruecken-nach-amazonien.html

Indigene BeraterInnen für Nachhaltigkeit
http://overdeveloped.eu/de/aussensicht/indigene-beraterinnen-fuer-nachhaltigkeit.html#c666

Über die Delegationsreise des Kölner Bürgermeisters
http://overdeveloped.eu/de/aussensicht/delegationsreise-mit-koelner-buergermeister.html

Konzertreihe Alberto Acosta und Grupo Sal, „Buen Vivir – Das Recht auf ein gutes Leben”
http://www.klimabuendnis.org/aktivitaeten/kampagnen/grupo-sal.html#c766

https://www.grupo-sal.de/programm1/buen-vivir-das-recht-auf-ein-gutes-leben/


Hintergrundtext zu "Das gute Leben":

Vatheuer, Thomas (2011): Buen Vivir. Eine kurze Einführung in Lateinamerikas neue Konzepte zum guten Leben und zu den Rechten der Natur. S. 11. Band 17 der Schriftenreihe Ökologie; Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin https://www.boell.de/sites/default/files/Endf_Buen_Vivir.pdf

Buch zum Thema „indigene Erfahrung“ aus „nördlicher“ Perspektive:

Weber, Andreas (2018): Indigenialität, Nicolai, Berlin

https://www.borromedien.de/produkt-1/indigenialitaet/10368322


SKEW

https://skew.engagement-global.de/downloads-zum-thema.html


Zum Themengebiet Klimaschutzkonferenz
Broschüren und Materialien des Klima-Bündnis zum Thema

Indigene Partner des Klima-Bündnis


The Future We Want: 3 Broschüren für einen klimafreundlichen Kulturwandel

1)     Bedeutung globaler Partnerschaften am Beispiel eines EU-Projekts
https://www.klimabuendnis.org/fileadmin/Inhalte/7_Downloads/Europa_und_Amazonien_verbinden.pdf

2)     Klimagerechtigkeit stärken, Herausforderungen europäischer Kommunen und indigener Völker
https://www.klimabuendnis.org/fileadmin/Inhalte/7_Downloads/Klimagerechtigkeit_staerken.pdf

3)     Unsere Zukunft gestalten, Politische Empfehlungen für eine kohärente und gerechte Klimapolitik
https://www.klimabuendnis.org/fileadmin/Inhalte/7_Downloads/Unsere_Zukunft_gestalten.pdf


Der Luxemburgische Pensionsfonds und die Menschenrechte (entstanden in direkter Folge einer vom Klima-Bündnis organisierten Delegationsreise nach Peru)

https://www.klimabuendnis.org/fileadmin/Inhalte/7_Downloads/Pensionsfonds_und_Menschenrechte.pdf


Der lebende Wald, Erfahrungen und Denkanstöße einer Studienreise nach Ecuador

https://www.klimabuendnis.org/fileadmin/Inhalte/7_Downloads/DerLebendeWald.pdf

 

Broschüre zu den Arbeitsfeldern des Klima-Bündnis mit lokalen Beispielen

https://www.klimabuendnis.org/fileadmin/Inhalte/7_Downloads/Bruecken_Amazonien_DE_2016-08.pdf