Handreichung Video-Session 7 "Alternativen zur Alternativlosigkeit" - Transition Town

Über CCL: ClimateCulture-Lab
Reisestation/Kurs: Video-Sessions
Buch: Handreichung Video-Session 7 "Alternativen zur Alternativlosigkeit" - Transition Town
Gedruckt von: Gast
Datum: Samstag, 27. Februar 2021, 18:56

1. Hintergrundinformationen

Das ClimateCulture-Lab (CCL) ist ein im Rahmen der nationalen Klimaschutzinitiative (NKI) gefördertes Projekt. Ziel ist Stärkung des Klimakultur-Wandels hin zu einer „CO2-neutralen Gesellschaft“. Wenn Deutschland bis 2050 nahezu CO2-neutral werden soll, braucht es eine umfassende gesellschaftliche Transformation, die unsere Art zu leben, zu arbeiten und zu konsumieren grundlegend verändert. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist auch die Neubestimmung, wie wir die Welt und uns selbst darin erleben. Daher sprechen wir im CCL vom KlimaKultur-Wandel, denn es geht um einen klimafreundlichen kulturellen Wandel im Äußeren und im Inneren. Es ist ganz klar, alleine kann dies niemand schaffen! Nur wenn möglichst viele Menschen gemeinsam zum Wandel beitragen, kann es gelingen.

Doch wie kann enkelfreundliches Handeln die neue Normalität werden bzw. wie können wir gemeinsam Teil der Lösung werden, anstatt durch gewohnte klima-unfreundliche Routinen die Probleme weiterhin zu verschärfen? Wie schaffen wir es, dass klimafreundliche Wertmaßstäbe zur Grundlage von Denken, Fühlen und Handeln möglichst vieler Menschen werden und damit zum selbstverständlichen Ausgangspunkt vernünftigen Verhaltens?

In unseren Videosessions suchen wir nach Antworten auf diese Fragen. So haben wir in der vorangegangenen Videosession 5 & 6 das für den gemeinsamen Kulturwandel wichtige Thema der kollektiven Intelligenz und Kollaboration aufgegriffen und weiter vertieft.  In der 7. Session beleuchten wir praktische Beispiele bereits gelebter „Alternativen zur Alternativlosigkeit“.

Zu diesem Zweck sprachen wir mit Gesa Maschkowski und Thomas Köhler.  Maschkowski ist Transition-Trainerin und Moderatorin, Mitgründerin der Transition-Initiative Bonn-im-Wandel und der solidarischen Landwirtschaft, SoLaWi Bonn sowie aktiv im deutschen und internationalen Transition-Netzwerk. Dr. Köhler ist Gründungs- und Vorstandsmitglied bei Transition Town Hannover sowie beim Transition-Netzwerk Deutschland, außerdem Teilhaber und Mitarbeiter des Pestel-Instituts, wo er vor allem zum Thema Transformationspotentiale durch Transition-Initiativen arbeitet.


Interviewpartner

Gesa Maschkowski vergleicht ihr Leben mit einem Permakulturgarten, in dem es verschiedene Biotope gibt. An den Schnittstellen, an denen sich ihre Forschung, der Aktivismus und der Journalismus treffen, entstehen fruchtbare Verbindungen, Synergien und Neues. Sie bezeichnet sich selbst als Moderatorin und Prozessbegleiterin, Transition Trainerin, Aktivistin, Wissenschaftlerin, Journalistin sowie als Frau, Mutter und Tänzerin.

Vor allem das Thema Ernährung ist für sie ein Schlüssel zu einer ganzheitlichen Sichtweise der Welt, ein Ansatz zur Transformation im Kleinen und im Großen. Moderation und Beratung waren ihre Studienschwerpunkte. Sie hat seitdem unzählige Prozesse in verschiedenen Bereichen begleitet und mitgestaltet. So hatte sie z.B. die Projektkoordination für den Ernährungsführerschein inne (siehe https://www.bzfe.de/inhalt/ernaehrungsfuehrerschein-3773.html), den heute fast eine Millionen Grundschulkinder absolviert haben.

Nachdem Maschkowski viele Jahre als freie Wissenschaftsjournalistin mit dem Schwerpunkt Ernährungsökologie arbeitete, ist sie seit 2001 bei der Bundeszentrale für Ernährung (ehemals aid infodienst) als Redakteurin für nachhaltige Ernährungskultur tätig.

Die letzten Jahre arbeitete sie nebenberuflich an ihrer Dissertation zum Thema Ernährungskommunikation und Transformation, die sie Ende 2018 eingereicht hat. In diesem Kontext hat sie sich auch in einigen Publikationen (siehe weiterführende Quellen) mit der Bedeutung von Graswurzelbewegungen für eine nachhaltige Gesellschaftstransformation auseinandergesetzt.

Sie ist Mitgründerin der Transition Initiative Bonn-im-Wandel und der solidarischen Landwirtschaft, SoLaWi Bonn und zudem aktiv im deutschen und internationalen Transition- Netzwerk – also rundherum eine perfekte Gesprächspartnerin für unsere Videosession 7.

Unser zweiter Experte, Thomas Köhler, ist promovierter Sozialwissenschaftler mit den besonders wichtigen Schwerpunkten Bildungs-, Kultur- und Lebensweiseforschung. Seit fast 10 Jahren konzentriert er sich beruflich ausschließlich auf seine Kern-Themen „Transition und transformative Forschung“ und das in den vielseitigsten Rollen: Zum einen ist er Mitarbeiter des Pestel-Instituts für Systemforschung und Prognose, zum anderen arbeitet er für Transition Town Hannover. Dort leitet er aktuell die von der Nationalen Klimaschutzinitiative des Bundesumweltministeriums (siehe https://www.klimaschutz.de/) geförderten Projekte "ErnHa, Nachbarschaftsinitiativen für den Ernährungsrat der Region Hannover" (Pestel Institut, 2018-2020), und "LiNa, Limmer Nachbarschaften in Transition 2.0" (Transition Hannover, 2018-2022). Ehrenamtlich engagiert er sich zudem als Vorstandsmitglied von Transition Town Hannover, indem er sich insbesondere der Koordination aller dort angesiedelten Gruppen und Projekte widmet, derzeit mit speziellem Fokus auf drei weiteren NKI-Projekten sowie den Gründungsinitiativen "Sufi.ZEN, Schule der Genügsamkeit" und "Ecovillage Hannover".

Als Köhler 2010 in Hannover mit dem Ansatz von Transition Town Ernst machte, bestand seine zentrale Intention darin, den überfälligen Wandel unserer Lebensweisen endlich auch persönlich mit anzuschieben. Er tat dies, indem er möglichst viele seiner akademischen Kenntnisse mit sehr handfesten und persönlichen Transformationsstrategien zu einem neuen, selbst gelebten Berufsbild vereinte. In der besonderen Verbindung von Theorie mit Praxis lag für ihn die Essenz des „Energiewendehandbuch“ von Rob Hopkins, das 2008 erschienen war und das von Köhler wie eine Anleitung zum Ab- und Aufsprung in eine andere Existenz rezipiert wurde.

Tatsächlich entstand daraus und aus der Bereitschaft des Pestel-Instituts, mit dem Transition-Ansatz an die institutseigenen, wachstumskritischen Ursprünge wiederanzuknüpfen, nicht nur für Köhler, sondern für eine ganze Reihe anderer Mitstreiter*innen ein Arbeitszusammenhang, der mittlerweile ein komplexes, weitreichendes Netzwerk hervorgebracht hat.


2. Transition Initiativen / Transistion Towns als Alternativen zur Alternativlosigkeit

„If we wait for the governments, it'll be too little, too late; if we act as individuals, it'll be too little; but if we act as communities, it might just be enough, just in time.“

(Wenn wir auf Regierungshandeln warten, wird dieses zu spät kommen und unzureichend sein; wenn wir alleine handeln, wird es unzureichend sein, aber wenn wir in Gemeinschaft handeln, dann könnte es gerade noch ausreichend und gerade noch rechtzeitig sein.“ )

Hopkins 2011: 17; (eigene Übersetzung)


Bevor wir das Expertengespräch zusammenfassend darstellen, müssen grundlegende Begrifflichkeiten geklärt werden: Was bedeutet „Transition Initiativen / Transition Towns“? Woher kommt das Konzept und wieso kann es potentiell eine Alternative zur Alternativlosigkeit der aktuellen Situation der Welt darstellen? Zunächst wollen wir Wortbedeutungen und Grundzüge erläutern, im darauf folgenden Kapitel „Der Startpunkt der Transition-Idee“ gehen wir ausführlicher auf den Ursprung des Konzept ein. Transition im Ursprung des Wortes bedeutet

a) Übergang von einer Form, einem Zustand oder einem Ort zu einem anderen

und

b) eine Zeit der Transformation, also des Wandels oder Veränderung.

Transition Towns sind demzufolge Städte, in denen der Wandel Wirklichkeit werden soll. Ermöglicht wird dies durch die Bewegung Transition Town – das genaue „Wie“ ist im Leitfaden der Bewegung nach zu lesen, der unter anderem auch in deutscher Sprache erschienen ist1.  Das Herz des Ganzen, so erläutern die Autoren, sei die Gemeinschaft:

„Es sind Gruppen, die mit positiven Ideen und konkreten Projekten auf die großen Herausforderungen unserer Zeit antworten. Im gemeinschaftlichen Handeln liegt Kraft für Veränderung. Wir schöpfen unsere Kraft auch aus einer neuen Kultur des Miteinanders, der Verbindung mit uns selbst, mit anderen und der Natur. Transition Initiativen sehen aber auch, dass wir ein anderes Verständnis von Wirtschaft und von Arbeit entwickeln müssen. Sie experimentieren mit neuen Unternehmensformen und knüpfen Unterstützer-Netzwerke.“

In einem 2016 erschienenen Übersichtsartikel (siehe Literaturverzeichnis) mehrerer Autor*innen, die in der deutschen Bewegung aktiv sind (Gesa Maschkowski, Stephanie Ristig-Bresser, Silvia Hable, Norbert Rost und Michael Schem) werden zwei Paradigmen unserer modernen Gesellschaft beschrieben. Folgende zwei Glaubenssätze hinterfragen die Autor*innen

„1. Wenn wir nur genug wachsen, dann bekommen auch die Unterprivilegierten

dieser Welt etwas ab;

2. wenn wir die Menschen nur genügend aufklären, dann werden sie sich schon irgendwann „richtig“, das heißt umweltfreundlich und nachhaltig verhalten.“

Beide Annahmen haben sich nach Meinung der Autor*innen als Irrtümer auf dem Weg in eine nachhaltige faire Gesellschaft erwiesen. In der deutschen Transition-Charta heißt es: „Unser Ziel ist eine Gesellschaft, die die Menschenrechte der heutigen und der zukünftigen Generationen achtet, die wertschätzend und friedlich ist“, und weiter:

„Wir möchten genügsam und klimafreundlich leben, weniger abhängig von nicht erneuerbaren Rohstoffen und resilienter, das heißt widerstandsfähiger und anpassungsfähiger sein. Die Transition Bewegung möchte Menschen dafür begeistern, ermutigen und unterstützen, eine positive Zukunftsvision zu entwickeln und diesen Wandel selbst zu gestalten. Die Lösungen und Ideen zur Umsetzung der Vision sind vielfältig.“

Diese und weitere Grundprinzipien sind in der Transition-Charta zusammengefasst, die von Vertreter*innen aus Bielefeld, Bonn und Tübingen 2015 in einer ersten Fassung erarbeitet wurde. Nach einer öffentlichen Kommentierungsphase durch aktive Transitioner findet sich auf der Website nun die überarbeitete Fassung von September 2016 (https://www.transition-initiativen.org/unsere-philosophie-transition-charta). Das Dokument soll allen Interessierten und bereits Aktiven Orientierung bieten und einen Minimalkonsens schaffen.
















Untermalung der Charta, siehe: https://www.transition-initiativen.org/unsere-philosophie-transition-charta


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1  Siehe: https://www.transition-initiativen.org/sites/default/files/inlineimages/transition_leitfaden_web.pdf für ein kostenfreies Download.

2.1. Start und Verbreitung der Transition-Idee

 Ursprünglich ist die Transition-Idee 2005 im englischen Kinsale aus dem Impuls einer Gruppe Menschen um den Permakultur-Designer Rob Hopkins entstanden. Sie stellten sich die Frage: wie können wir Werkzeuge der Permakultur nutzen, um den öko-sozialen Wandel zu gestalten? Hopkins hatte nämlich den ersten Vollzeitkurs zum Thema Permakultur am College in Kinsale entwickelt. Jetzt benutzte er dies als Grundlage, um im nächsten Schritt mit seinen Studierenden in Antwort auf die Peak-Oil-These  ein Programm zur Förderung der Unabhängigkeit der Kommune von fossilen Rohstoffen vorzulegen. 2005 wurde das Programm, welches wiederum auf bereits existierenden Sozial- und Kulturwandelmodellen und Programmen aufbaute, dem Stadtrat vorgestellt. Kinsale wurde nach positiver Bestätigung durch den Rat somit die weltweit erste sogenannte „Transition town“, also „Stadt im Übergang/Wandel“. Als  Hopkins mit seiner Familie nach Totnes in der englischen Grafschaft Devonshire umzog und die Gruppe aus Kinsale sich auch an dem neuen Ort engagierte, wurde Totnes 2006 ebenfalls zur Transition Stadt (siehe Siegle, 2011).  

Mittlerweile hat sich die Bewegung in über 50 Ländern verbreitet. Sie wurde von Tausenden sich neu bildenden oder bestehenden Initiativen aufgegriffen, in Städten und Dörfern umgesetzt. Auch in Universitäten und an Schulen fand sie Anklang. Geschätzte 5.000 lokale Initiativen wurden ins Leben gerufen, seit 2010 auch in Deutschland. Die Flexibilität und Offenheit der Idee laden zur kreativen Umsetzung ein, die auch unter verschiedenen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen gelingen kann.
Zahlreiche Publikationen und Dokumentationen erzählen die Geschichten der Transition-Bewegung, zeigen Beispiele und Methoden.  Das „Energiewendehandbuch“, Rob Hopkins Buch „Einfach. Jetzt. Machen.“, der Sammelband „21 Stories of Transition“, die Filme „Voices of Transition“, und „Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen“ (siehe Abschlussbericht BMU Projekt in Literaturverzeichnis).

2.2. Ganz praktisch: Transition-Initiativen in Deutschland

2016 wurde ein einjähriges, BMU-gefördertes Projekt mit dem zwischenzeitlich entstandenen Verein Transition Netzwerk initiiert, das den Titel „Lernendes Transition Netzwerk“ trug. Ziel des BMU Projektes war u.a. „der Aufbau eines Wissens-, Referent*innen und Multiplikator*innenpools zu ökologischen, sozialen und ökonomischen kommunalen Wandelprozessen“. Damit wurde angestrebt, die Expert*innen und Initiativen „systematisch und attraktiv“ sichtbar zu machen. Das Projekt sollte aber auch Transformations-Akteur*innen wie Kommunen, Verbänden und verwandte Initiativen verknüpfen (für mehr Infos zum Projekt siehe Abschlussbericht im Literaturverzeichnis).

In dem bereits zu Beginn erwähnten Übersichtsartikel beschreiben die Expert*innen die Bewegung, inzwischen 11 Jahre nach Gründung und ergänzend zu den ursprünglichen Zielen, folgendermaßen:

„Wir möchten die Erde als lebendiges System erhalten und pflegen, achtsam miteinander umgehen und die Ressourcen der Erde gerecht und fair miteinander teilen, heute und mit allen nachfolgenden Generationen. Diese Werte stammen aus der Permakultur, sie finden sich aber auch in vielen Gruppierungen der globalen Klimagerechtigkeitsbewegung . Man könnte diese faire und achtsame Weltgesellschaft auch als Postwachstumsgesellschaft oder Degrowth-Gesellschaft bezeichnen.“

Die Kernfrage, die sich Menschen in Transition-Initiativen weltweit stellen, lautet nach Meinung der Autoren: „Wie sehen unsere Straße, unser Dorf, unsere Stadt in der Zukunft aus, wenn sie kaum mehr fossile Rohstoffe brauchen, wenn es lebendige regionale Wirtschaftsstrukturen gibt und wir ein sinnvolles, gutes Leben führen?“ Und, als absoluten Kernsatz vor dem Hintergrund unseres Themas zu Alternativen zur Alternativlosigkeit: „Was können wir jetzt dafür tun, um diesen Übergangsprozess zu starten?“ Wiederum öffnet die Flexibilität der Idee vielfältigen Antworten und Wegen die Tür, sowie Menschen jeder Altersgruppe, Nationalität und Gesinnung.

Seit dem kreativen Auftakt der Bewegung in 2005 konnte so ein buntes Portfolio an Projekten, Ideen und Methoden entstehen, ein „Werkzeugkoffer des Wandels“ und ein Netzwerk, das laut der Autor*innen des Übersichtsartikels viele Menschen inspiriert und ihnen Mut und Kraft gibt. Ein weiterer wichtiger Aspekt, den sie ebenfalls aufgreifen, ist die Frage nach sozialen und psychischen Bedingungen, die es für eine „große Transformation“ braucht und die ihrer Meinung nach auch in vielen Bereichen der Transition- oder Postwachstumsbewegung noch zu kurz kommt. Jenseits von kognitiv fokussierten, hierarchischen - und erwiesenermaßen nicht verhaltenswirksamen – Aufklärungsmodellen, sei individuelles Wachstum, individueller Wandel nötig. Aufbau an Fähigkeiten und Qualitäten wie Mut, Vertrauen und Gestaltungsfähigkeit, an Mitwirkung, Empathie, Solidarität und Gemeinschaftssinn seien Grundvoraussetzung. Die (Weiter-) Entwicklung von Kompetenzen der Selbstorganisation und Entscheidungsfähigkeit werden ebenso bedeutsam eingestuft. Den Menschen intrinsischen Sinn im Leben und Arbeiten zu geben, Zeit und Ressourcen um diesen umfassenden Wandel durchzustehen, müsse der Normalzustand werden. Aus ihrer Position als Expert*innen für Transition heraus fordern sie eine größere gesellschaftliche Debatte sowie die explizite Erforschung der Frage, was Menschen brauchen, damit sie das Gefühl bekommen, die große Transformation sei sinnvoll und machbar.


Titelbild des Leitfadens für Transition Initiativen, https://www.transition-initiativen.org/transition-gruendungs-leitfaden

3. Zusammenfassung des Interviews - Teil 1

„Jede*r wird gebraucht.“

(Gesa Maschkowski im Interview)


Video-Session 7 will vor allem einen Einblick in Transition-Initiativen und die ganze Transition Town Bewegung geben. Verdeutlicht wird die transformierende Haltung: „Jede/r kann jetzt gemeinsam mit anderen etwas tun!“. Das CCL präsentiert damit eine praktische Alternative zu der von vielen derzeit als lähmend und ausweglos empfundenen Situation. Näher dargestellt werden diese Alternativen zur gefühlten Alternativlosigkeit durch die bereits erwähnten Interview-Partner*innen Gesa Maschkowskis und Thomas Köhler, die zu Beginn des Gesprächs sowohl sich als auch ihr Engagement ausführlich erläutern.


Maschkowskis und Köhlers Rollen in der Transition-Bewegung

Maschkowski ist vor allem durch ihre Beschäftigung mit dem Thema „Psychologie der Verhaltensver-änderungen“ auf die Transition-Bewegung gestoßen und zwar durch die Frage: „Wie geht eigentlich Veränderung und wie kommt es, dass wir uns zwar der Probleme immer bewusster werden, aber unser Verhalten nicht dementsprechend anpassen?“ Das Transition-Netzwerk ist aus ihrer Sicht eine der ersten Umweltbewegungen, die auch wissen will: „Was brauchen Menschen, um sich verändern zu können?“. Für Maschkowski ist dies die zentrale Frage. Ihrer Meinung nach übt sich die Transition Bewegung beständig darin, Menschen mitzunehmen, sie abzuholen und zu begeistern selbst aktiv zu werden. Deshalb wurde ihr persönlich dann auch schnell klar, dass sie nicht nur zusehen, sondern auch selbst aktiv werden wollte. So kam sie zu „Bonn im Wandel“.

Die (Mit-)Gründung der Initiative „Bonn im Wandel“ wurde angestoßen durch einen Aufruf auf der Website der Transition Bewegung (https://www.transition-initiativen.org/) und einem Treffen einer Gruppe von Interessierten. Kurze Zeit später waren die Beteiligten sich einig: „Wir wissen genug, wir legen los!“ Der Fokus von Bonn im Wandel liegt auf der Ermutigung zum selbst Handeln anstatt der Belehrung von Menschen. Dafür bietet die Initiative viele unterschiedliche Aktivitäten und Projekte an. Als Beispiel präsentiert Maschkowski eine Samentüte für Insektenweiden. Seit 2018 verteilen die Bonner Blühbotschafter*innen Saatgut zum Anlegen von insektenfreundlichen Blüh-Inseln und Streifen. Aus der auch medial sehr erfolgreichen Aktion bildete sich eine dauerhafte Initiative, „Bonn blüht und summt“ (https://bonnimwandel.de/bonnbluehtundsummt/), die 2019 von der „UN-Dekade Biologische Vielfalt“ als vorbildliches Projekt auszeichnet wurde.

Die nächste Frage nach dem Status quo von Transition in Deutschland richtet sich an Thomas Köhler, der aufgrund seiner vielen unterschiedlichen Rollen einen ausgezeichneten Überblick über die Entwicklung der nationalen Bewegung hat. Er findet die Frage zunächst schwierig zu beantworten, da die Anzahl der Initiativen beständig wachse und das Spektrum inzwischen von kleinen lokalen Interessensgruppen bis hin zu großen, wissenschaftlich beforschten Projektverbünden reiche. Gründungen erfolgten nicht durch einen Top-down-Ansatz, sondern jede/r könne einfach sofort selbst loslegen. Die Transition-Website sowie das Praxishandbuch und zahlreiche andere Online-Ressourcen unterstützten Interessierte dann beim Ausbau der Idee und Aufbau einer Initiative. Diese kleinen, häufig lokalen Projekte sieht Köhler als harten Kern der Bewegung. Insgesamt, so schätzt er, gäbe es derzeit national ca. 60-100 aktive Transition Initiativen in Deutschland.


Die Transition-Bewegung und die NKI

Andrea Steckert spricht als nächstes die nationale Klimaschutzinitiative (NKI) mit ihrer Förderlinie „Kurze Wege für den Klimaschutz“ an und fragt nach ihrem Einfluss auf die Transition-Bewegung. Köhler äußert die Meinung, dass in diesem Zusammenhang relativ viel passiert sei, obwohl unklar bliebe, in welchem der NKI-Projekte die Transition-Bewegung die treibende Kraft (gewesen) sei. Er begrüßt, dass das Transition-Netzwerk in den letzten 2-3 Jahren durch Einfluss der NKI-Förderung eine projektförmigere Gestalt bekommen habe. Seiner Ansicht nach verbreitere sich das Spektrum der Initiativen zurzeit stark und gehe mehr in die Fläche - eine sehr wünschenswerte Entwicklung mit der NKI als Schubkraft und wichtigem Partner. Er vergisst jedoch nicht zu erwähnen, dass manche Beteiligte die Initiativen lieber kleiner halten wollten, umso näher an der Ursprungsidee der Transition Bewegung zu bleiben. Köhler indessen hofft, dass die derzeitige Verbreiterung und Diversifikation auch eine Verstetigung der Initiativen und Projekte fördere.


Die Transition-Bewegung im Austausch mit Kommunalverwaltungen

An dieser Stelle im Interview fragt Steckert nach den Möglichkeiten, die Kommunalverwaltungs-mitar-beiter*innen oder Mitarbeiter*innen beispielweise aus dem Umweltamt haben, entstehenden Initiativen oder Ideen einen unterstützenden Rahmen zu bieten. Die zwei Interviewten reagieren auf diese Frage und tragen ihre unterschiedlichen Erfahrungen bei. Thomas Köhlers Ansicht nach gibt es Beispiele, er hält es jedoch für schwierig, aus der Verwaltung heraus Initiativen zu fördern oder gar zu gründen. Gesa Maschkowski berichtet von ihren positiven Erlebnissen mit mehreren Gemeinden. Von der Verbandsgemeinde Weilerbach bei Kaiserslautern sei sie eingeladen worden, einen Transition Workshop zu geben im Rahmen einer Preisverleihung, an der alle Bürgermeister teilnahmen. Die Verbandsgemeinde Daun organisierte ein Transition Training für ihre Bürger*innen, an der auch Vertreter*innen der Gemeinde teilnahmen. Obwohl Gesa Maschkowski aufgrund des Top-down Ansatzes erst ihre Zweifel gehabt habe, sei sie vom Engagement der Beteiligten bald angetan gewesen, der Impuls sei von den Teilnehmer*innen sehr positiv aufgegriffen und weitergeführt worden.

Ihrer Meinung nach existierten somit zwei Möglichkeiten, für Kommunalvertreter*innen selbst aktiv zu werden:

Zum einen könne man Transition-Trainer*innen in die Kommune einladen, um mit Interessierten Mitarbeiter*innen einen Workshop oder ein Transition Training zu absolvieren. In dem Training erhielten die Teilnehmer*innenn einen guten Einstieg und Überblick in die Thematik. Sie erführen, welche Möglichkeiten es auch für Kommen gäbe, das Engagement für den Wandel in ihrer Region zu fördern. Die zweite Möglichkeit sei, einen solchen Workshop für interessierte Bürger*innen anbieten, der diese zu befähigte, selbst eine Initiative zu gründen und aktiv zu werden.

Thomas Köhler ergänzt hier seinen Wunsch nach mehr Offenheit und Transparenz der bereits engagierten Kommunen, in denen Projekte laufen. Sie könnten andere Kommunen noch stärker positiv inspirieren und ihnen Mut machen. Um den ersten Schritt in Richtung Transition zu gehen, fehle gerade Mut so häufig.  Köhler selbst erlebt die positiven Synergien einer guten Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Transition Initiative in seiner Arbeit in Hannover. Dort treffe Top-Down Unterstützung auf Bottom-Up Initiative und bestärke sich hervorragend.


4. Zusammenfassung des Interviews - Teil 2

Praktisches Engagement und innerer Wandel

Die nächste Frage im Interview wird noch praktischer: Wo und wie kann ich mich weitergehend informieren, wenn ich interessiert bin und eine Initiative gründen möchte?
Zunächst hier allgemeine Informationen zum Einstieg. Diese gibt es:

a) auf der Transition Website
b) im Transition-Handbuch oder -Leitfaden 
c) bei einem Workshop für private Gruppen, zu dem ein Trainer eingeladen wird
d) beim persönlichen Besuch eines Workshop oder Trainings (http://transition-training.de/).

Die Workshops beleuchten in Form einer kleinen mentalen Reise den Status quo unseres Planeten sowie verschiedene Lösungsansätze. Im Mittelpunkt steht jedoch die Frage: Was ist mein Platz in diesem Moment der Entwicklung, was sind meine Fähigkeiten und wie kann ich diese einbringen?
Maschkowski sagt dazu: „Egal ob im Kontext meines Unternehmens, meiner Kommune oder in einem wissenschaftlichen Betrieb: Wenn ich was verändern will, brauche ich Kraft, Zeit und gute Werkzeuge!“ Auf allen gesellschaftlichen Ebenen, in jedem Stadtteil und in jeder Nachbarschaft seien viele kleine Initiativen nötig, die Netzwerke bauten und gemeinsame Visionen schafften. Eigentlich seien Transition-Initiativen mindestens genauso wichtig wie die Feuerwehr. Die Erde brenne und wir bräuchten überall Menschen, die als fester Bestandteil des Systems Veränderungen möglich machen. In den Transition-Initiativen könnten alle ihre Kompetenzen und Fähigkeiten voll einbringen, fährt Maschkowski fort. Und „jede*r wird gebraucht“. Es gäbe für jede und jeden einen Platz. Dem CCL-Team fallen als Beispiele hierfür das Projekt Saatguttütchen oder die Teilnahme an einem Gemeinschaftsgarten ein. Bei all diesen Initiativen können sich persönlichen Stärken entfalten, vom Organisationstalent über die grüne Hand beim Gärtnern bis hin zum kreativen Geist beim Marketing.

Wichtig ist aber auch, dass eine Transformation, wie wir und unser Planet sie heute benötigen, mehr als nur nebenberufliches Engagement ohne finanziellen Ausgleich erfordert. Fördergelder, zeitliche Kapazitäten und Prozessbegleitung, damit sich engagierte Menschen voll und ganz dem Thema widmen können, sind essentiell.

Bei der Frage nach der inneren Haltung, also Selbstreflexion und Auseinandersetzung mit eigenen Werten, betont Maschkowski die Bedeutung von Transition als Veränderungsprozess. „Keiner ist heilig“ sagt sie. Wir seien alle im Prozess und müssen uns gegenseitig unterstützen, diesen Wandel erfolgreich zu managen. Thomas Köhler ergänzt, dass Interessierte sich jedoch nicht in der Verpflichtung sehen sollten, ihre innere Transformation (Inner Transition) mit Beginn des Transition-Engagements im Außen voranzubringen, „Meditation ist bei uns keine Pflicht“. Köhler findet es im Gegenteil wichtig, auch mit Leuten zu arbeiten, die „noch in den Urlaub fliegen und SUV fahren“, da diese „normalen“ Bürger ja weiterhin die überwiegende Mehrheit in Deutschland seien und normalerweise der Kontakt zu dieser Bevölkerungsgruppe spärlich bliebe. Dieser Kontakt solle nicht verbaut werden, in dem ein innerer Wandelprozess als Voraussetzung zum Engagement dargestellt werde, so Thomas Köhler.


Transition in Hannover und eine besonders wichtige Lernerfahrung von dort

In Hannover gäbe es in verschiedenen Stadtteilen sehr unterschiedliche Projekte, die er betreue, mit originellen Ansätzen, die gerade erst im Entstehen begriffen seien, so Köhler weiter. Dieser systematische und methodenvielfältige „Nachbarschaftsansatz“ sei vielversprechend und in dem Ausmaß neu. Köhler ist gespannt, welcher der verschiedenen Ansätze sich als am hilfreichsten erweisen werde, um einen Alltag mit messbar weniger Ressourcenverbrauch, vor allem weniger CO2- Emissionen zu etablieren. Die Verschönerung des Stadtteils sei ein ebenso relevantes Ziel der laufenden Nachbarschaftsinitiativen und er sehe diese beiden Ziele als perfekte Kombination.

Andrea Steckert ist an dieser Stelle interessiert an der Verteilung der Altersgruppen in den Initiativen, Köhler verweist in seiner Antwort auf eine manchmal auch chaotische Vielfalt. Am Interview Drehort Hannover Linden z.B. seien vor allem Studierende involviert, da viele von Ihnen dort lebten. Projekte mit Studierenden würden erfahrungsgemäß gut laufen. In einem anderen Stadtteil seien vor allem ältere Menschen, viele schon Rentner, sowie einige Familien beteiligt, also ein ganz anderes Milieu, und dies führte auch zu sehr unterschiedlichen Projekten. Kommunikation und Zielsetzung seien geprägt vom entsprechenden Milieu und es gäbe auch immer mehr Mischformen, wie etwa die sogenannten „Hipstergärten“, betreut von den Studierenden, und die Projekte der älteren Generationen. Köhler ist begeistert von der Diversität und davon, dass alle Projekte parallel laufen und sich gut entwickeln.

Die nächste Frage richtet sich erneut an Thomas Köhler und seine wichtigsten Lernerfahrungen in den 10 Jahren Transition Arbeit, die hinter ihm liegen.  Köhler erinnert sich daran, wie sehr ihm anfangs seine geringe Kenntnis der Verwaltungsvorgänge in Hannover sowie sein Nicht-Wissen über bereits bestehende Initiativen weitergeholfen hat. Dies resultierte von seiner Seite aus in einer Überschreitung vieler Grenzen, die er einfach nicht kannte mit dem Resultat einer erhöhten Wirksamkeit. Er empfiehlt eine Mischung aus Menschen, die grundnaiv und engagiert an das Thema herangingen sowie Experten, die die abgesteckten Claims, die bereits bestehende Initiativen und die dahinterstehenden Menschen sehr gut kennen. Gegenseitige Wertschätzung und Unterstützung der verschiedenen Untergruppen sei ebenfalls eine Schlüsselzutat für erfolgreiche Initiativen, meint Köhler abschließend.


Einmal tief durchatmen: Transition und der Transition-Leitfaden als Einladung zur Mitgestaltung einer neuen Kultur

Gesa Maschkowski stellt im nächsten Schritt den Transition Leitfaden vor, der von vielen Initiativen weltweit angereichert wurde und gute Erfahrungen und Methoden zusammenfasst. Der Leitfaden gibt Antworten auf Fragen wie:

•    Wie starte ich eine Gruppe?
•    Wie gestalte ich eine gute Teamsitzung?
•    Welche praktischen Projekte gibt es?
•    Wie baue ich ein gutes Netzwerk auf?
•    Wie mache ich einen Visionsevent?

Er ist kostenfrei online erhältlich, auf der Transition Website zu finden und enthält Beispiele und Praxen aus der ganzen Welt, z.B. auch aus Projekten aus Brasilien. Maschkowski war an der deutschen Übersetzung (aus dem englischen) und der Aktualisierung beteiligt. Der Leitfaden soll vor allem auch deutlich machen, dass die einzelnen Initiativen Teil eines weltweiten Netzwerkes sind. Er enthält zudem ein Analyseinstrument, den sogenannten „Gesundheitscheck“. Damit können Initiativen herausfinden, wie es um sie steht. Das Buch öffnet eine Tür in eine Welt von neuen Möglichkeiten, anders miteinander und mit der Erde umzugehen, meint Maschkowski.

Als ein Beispiel nennt sie die solidarische Landwirtschaft (SoLaWi), eines ihrer ersten Projekte. Die Initiative entstand auf einem Visionsevent von Bonn im Wandel im Jahr 2012. An dem Projekt, das zwei Menschen ins Leben gerufen haben, sind nun über 400 beteiligt. Mittlerweile gibt es 5 weitere SoLaWis, die inspiriert durch das Projekt ebenfalls in der Region gegründet wurden. Nach Maschkowskis Meinung zeige der Leitfaden auch Wege und Möglichkeiten auf, wie Menschen anders miteinander umgehen können. Bonn im Wandel arbeite zum Beispiel am Aufbau einer soziokratischen Organisation, die nicht nach dem Hierarchie- sondern nach dem Kreisprinzip funktionierten. Hierzu müsse beispielsweise geklärt werden, welcher Kreis welche Entscheidungen treffen könne. Jede*r hat dabei das gleiche Recht zu sprechen und sich einzubringen.

Maschkowski findet, die Transition Initiativen seien eine Einladung, eine Kultur mitzugestalten, in der wir lernten, nicht nur mit der Erde, sondern auch mit uns Menschen anders und besser umzugehen. Auf Steckerts Nachfrage berichtet Maschkowski, sie sei seit 2012 bei Transition aktiv. Damals habe sie mit ihrer Familie einen Workshop besucht, der sie überzeugte, sich zu engagieren. Ihre Lernerfahrung oder Tipp für Interessierte sei die beständige Neu-Erinnerung an den Zustand der Welt. Dies sei eine Daueraufgabe, da wir dies so schnell vergäßen. Für Aktivist*innen sei es außerdem notwendig, nicht in Panik zu geraten angesichts der gefühlten Ohnmacht beim Anblick des Zustands der Welt. Sie macht diesen Punkt an einem selbst gefertigten Armband deutlich. In dieses habe sie „einfach atmen“ hineingestickt, neben einem Symbol für den Zustand des Planeten.

In seinen abschließenden Worten reagiert Thomas Köhler zunächst auf Maschkowskis Lernerfahrung. Seiner bzw. Greta Thunbergs Meinung nach sei es durchaus wichtig, dass die Leute in Panik gerieten, da die meisten Menschen weiterhin zu bequem und selbstzufrieden vor sich hin lebten. Ihn selbst brachte seine extreme Ungeduld und eine steigende Grundpanik ob der Tatsache, dass sich nichts an den verheerenden Entwicklungen änderte, zur Transition Bewegung. Vor allem die aktivistischen Initiativen in der Stadt hält er für wichtig, um die bisher panikfreien Menschen zu erreichen und auch ihnen bewusst zu machen, dass uns die Zeit davonlaufe bzw. schon abgelaufen sei. Er betont trotzdem auch die Wichtigkeit, zwischendurch immer wieder zu Atem zu kommen und sich zu beruhigen. Gesa Maschkowski fügt hinzu, dass diese beiden Pole kein Widerspruch seien und sich im Gegenteil befruchten können. Individuelle Achtsamkeit, Selbstfürsorge und tiefes Durchatmen stärkten die Ressourcen, z.B. bei Transition oder anderweitig aktiv zu werden.

Zum Schluss leitet Andrea Steckert eine Reflexion für die Zuschauer mit folgenden Leitfragen an:

  • Was hat mich in dem Gehörten besonders bewegt?
  • Was ist mir sehr wichtig?
  • Welche nächsten Schritte kann ich in die Richtung tun, die mich hier so angesprochen hat?

5. Praxistipp: Wann ist eine Transition-Initiative erfolgreich?

In der Transition Bewegung geht es vor allem um Kraft und Visionen, die entstehen, wenn engagierte Menschen zusammenkommen, um etwas zu bewegen. Dass dabei bestimmte Grundlagen wichtig sind, um eben diese Kraft optimal und vor allem harmonisch und nachhaltig zu nutzen, ist klar. Neben dem im Interview erwähnten, als Leitfaden erhältlichen „Gesundheitsscheck“ für Transition Initiativen, nutzt die Bewegung das Bild des „Transition Tiers“, um alle Aspekte für erfolgreiche Initiativen und Projekte anschaulich darzustellen. Hierbei präsentieren verschiedene Körperteile des Tieres verschiedene Aspekte des Gelingens (Nachzulesen auf der Website: https://transitionnetwork.org/news-and-blog/march-2019-is-international-transition-health-check-month/)


1.    Vier Beine

Eine Transition Gruppe oder Initiative braucht Beine zum Laufen, vor allem um in die richtige Richtung zu laufen. Die vier Beine, die es braucht, damit das gemeinsame Engagement erfolgreich wird sind:

  1. Eine funktionierende Gruppe, die Dinge zusammen anpackt, erledigt und dabei die Stimmung in der Gruppe pflegt und im Blick hat.
  2. Einbindung der lokalen Gemeinde/Gemeinschaft und Zusammenarbeit mit einer Reihe von
  3. Partnern und anderen Netzwerken, gemeinsame Gestaltung
  4. von praktischen Projekten, die die Kommune oder Gemeinde in ihrer positiven Entwicklung unterstützen und Transformation in der unmittelbaren Nachbarschaft anregen.
2.    Herz

Ein ausbalanciertes, gesundes Innenleben der Beteiligten ist ebenso wichtig für eine erfolgreiche Initiative. Überarbeitung und Überlastung der Engagierten und keine faire Verteilung der Aufgaben können zum burn-out führen. Das Herz bringt bestimmte Werte und die Transition-Prinzipien ins Spiel, die die Gruppe und jeden Einzelnen unterstützen, Selbstfürsorge zu betreiben und Fürsorge für die Anderen zu entwickeln. Dadurch kann sich eine positive Kultur entwickeln, mit Zeit zum gemeinsamen Reflektieren und die individuellen Energievorräte im Blick zu behalten, sowie die individuelle Nachhaltigkeit des Engagements. Das wird in der Transition Bewegung „innere Transition“ (oder auch “innerer Wandel”) genannt.

3.    Vision

Es ist schwer zu sehen, wohin man geht, wenn man keine Augen hat. Genauso ist es schwierig zu erkennen, was eine Gruppe vorhat, wenn sie keine gemeinsame Vision formuliert.

4.    Ein wedelnder Schwanz

Glückliche Tiere wackeln oft mit ihren Schwänzen, und Freude und Spaß an der Arbeit sind ebenso essentielle Bestandteile einer Transition Gruppe wie die soziale Verbindung untereinander und Zeiten fürs gemeinsame Genießen.

Das Transition-Tier

Natürlich kann eine Initiative auch ohne einige dieser Elemente funktionieren. Die Bewegung hat allerdings durch eigene Erfahrungen und Feedbacks festgestellt, dass Projekte, in denen die Mitglieder allen vier Ebenen Aufmerksamkeit und Bedeutung beimessen, gesünder, erfolgreicher und nachhaltig aktiver sind. Dies wiederum muss nicht bedeuten, dass von Anfang an in allen vier Bereichen gearbeitet werden muss. Viele Gruppen nehmen sich Zeit für die gemeinsame Entwicklung und machen auch zwischendurch immer wieder Reflektionspausen oder Erholungsphasen. Vielleicht wird auch in der Gruppe entschieden, dass einige Aspekte für die aktuelle Initiative nicht sehr relevant scheinen. Die gemeinsame Reflektion des Transition Tieres mit seinen vier Aspekten sollte jedoch Teil einer jeden Projektbildung sein. Ganz nach den sehr engagierten Individuen im Film „Die Welt ist voller Lösungen“:

 „Wir haben nicht gefragt: Wollen wir den Planeten retten? Das war zu riesig! Wir legten einfach los, wo wir grade waren.“

(Zitat aus dem Film: „Die Welt ist voller Lösungen“)


6. Weiterführende Links und Quellen

Publikationen von Gesa Maschkowski

Transition Towns – Empowerment für die große Transformation? http://www.planung-neu-denken.de/content/view/297/41

Vom Verbraucher zum Change Agent https://www.verbraucherforschung.nrw/bzv3_2

Understanding Role Models for Change: https://www.verbraucherforschung.nrw/bzv3_2

Learning from cofounders of grassroots initiatives: http://www.ilr.uni-bonn.de/mafo/staff/Maschkowski/2017PersonalResilienceTransitionandBehavioralChange.pdf

Vom Träumen, Planen, Machen und Feiern des Wandels, den wir selbst gestalten: https://www.degrowth.info/de/dib/degrowth-in-bewegungen/transition-towns/

https://bonnimwandel.de/klima-und-essen/

https://bonnimwandel.de/bonn-summt-400-bluehpat_innen-schulen-und-kitas-machen-mit/

https://bonnimwandel.de/stadtentwicklung-nach-menschlichen-mass-was-ist-die-alternative-zu-primark-und-co/

https://bonnimwandel.de/warum-vielfalt-gluecklich-macht-und-nachhaltiger-konsum-scheitert/

http://www.transitionresearchnetwork.org/resilience-book.html


Publikationen von Thomas Köhler

Köhler, T.: Transition Town und die Transformationspotentiale von Energiegenossenschaften. Eine 'biophile' Exploration. Working Paper BMBF-Projekt Engeno. Hannover/Oldenburg 2017

Köhler, T.; Abraham, J.: Energiewende-Städte / Transition Towns. Ein Beteiligungsmodell für resilienz- und suffizienzbasierte Leitbilder der Stadtentwicklung, in: Doege, P.; Knieling, J.: Regenerative Räume. Leitbilder und Praktiken nachhaltiger Stadtentwicklung. Oekom, München 2017 [2015], S. 85-107

Abraham, J.; Köhler, T.: Transition Town Initiativen, in: Zivilgesellschaft und bürgerliches Engagement, in: Neues Archiv für Niedersachsen 01/2015, S. 93-97

Köhler, T.: Post Oil City: Urbanität nach dem Ende des Öls. Welche Folgen hat ein postfossiles Energieregime für die moderne Großstadtkultur? In: Fürst, D. u.a. (Hrsg.): Postfossile Gesellschaft. Peter Lang, Frankfurt am Main u.a. 2014, S. 39-54

Köhler, T.: Transition Town – Praxistheorie und Bürgerbewegung für Nachhaltigkeit und Resilienz, für Subsistenz und Suffizienz, in: eNewsletter Wegweiser Bürgergesellschaft 02/2013


Links

Webseite der deutschen Transition-Initiativen: www.transition-initiativen.de

Webseite der Transition-Trainer*innen: www.transition-training.de

Webseite des britischen Transition Network: www.transitionnetwork.org

In Transition 2.0 – Dokumentarfilm: http://www.intransitionmovie.com/
UBA Projektwebsite Lernendes Transition Netzwerk mit Abschlussbericht: https://www.transition-initiativen.org/projekt-lernendes-transition-netzwerk
Geschichte der Gründung in Kinsale und Totnes: Siegle, 2011. Totness: Britain´s Town of the Future. The Guardian. Online unter: https://www.theguardian.com/environment/2011/feb/06/totnes-transition-towns-ethical-living


Verwendete und weiterführende Literatur

Hopkins, Rob 2008. Energiewende. Das Handbuch: Anleitung für zukunftsfähige

Lebensweisen. Frankfurt: Zweitausendeins.

Hopkins, Rob 2011. The Transition Companion. Totnes: Green Books.

Hopkins, Rob 2014. Einfach. Jetzt. Machen. Wie wir unsere Zukunft selbst in

die Hand nehmen. München: Oekom.

Hopkins, Rob 2015. 21 Stories of Transition. Totnes: Transition Network.

Feola, Giuseppe; Nunes, Richard J. 2013. Failure and Success of Transition Initiatives:

A Study of the International Replication of the Transition Movement