Handreichung "Achtsam im inneren Klimawandel - Mindfulness statt übervollem Kopf"

2. Was ist Achtsamkeit?

Der Begriff und die dazugehörigen praktischen Übungen haben ihren Ursprung vor ca. 2500 Jahren im Buddhismus. Ähnliche Konzepte und Übungen existieren auch in anderen spirituellen Lehren, aber vor allem im Buddhismus hat Achtsamkeit eine sehr zentrale Rolle inne2

In den westlichen Kulturkreis kam der buddhistische Achtsamkeitsansatz in erster Linie durch ein allgemein gewachsenes Interesse an östlichen Philosophien in der zweiten Hälfte des 20. Jhd. Eine ganz konkrete Einbindung in ein Trainingsformat mit psychologischer und medizinischer Ausprägung (und nicht mit spirituell/religiösen Bezügen) entstand durch das ursprünglich von Jon Kabat-Zinn seit 1979 entwickelte Mindfulness-Based Stress Reduction Programm (MBSR). Ein solcher Kurs zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion dauert normalerweise acht Wochen und besteht aus je ca. 45minütigen, täglichen Sitzmeditationsübungen. Bestandteile sind außerdem achtsame Körperwahrnehmung (Body Scan), Yogaübungen, Gehmeditation, Atemübungen und Achtsamkeitsübungen im Alltag.3

Es ist begrifflich nicht ganz eindeutig zu fassen, was genau Achtsamkeit ist. Angelehnt an eine häufig verwendete Definition von Jon Kabat-Zinn lässt es sich folgendermaßen umschreiben:

„Achtsamkeit ist eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit, die absichtsvoll ist, sich auf den gegenwärtigen Moment bezieht (statt auf die Vergangenheit oder die Zukunft), und nicht wertend ist.“

Achtsamkeit leben heißt also, im eigenen Leben ganz wach zu sein, jeden Moment in all seiner Lebendigkeit, seiner Wirklichkeit, seinen Freuden und Sorgen so zu erfahren, wie er ist. „Wie er ist“, damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass die Wahrnehmung möglichst frei von Wertungen und Erwartungen und nicht geprägt von den eigenen emotionalen Reaktionen darauf stattfinden kann.

Die Praxis der Achtsamkeit hat in den letzten Jahren eine rasant steigende Aufmerksamkeit erfahren. Die Anzahl von Studien und wissenschaftlichen Artikeln ist seit den 1990-ern jedes Jahr exponentiell angewachsen4. Inzwischen gibt es in Deutschland acht Ausbildungsinstitute und rund 1.000 Achtsamkeitslehrer. Das Thema wurde in vielen Zeitschriftenaufsätzen aufgegriffen und füllte ganze Spezialausgaben von Magazinen (z.B. Time Special 2016). Matthias Horx spricht im Zukunftsreport 2016 des zukunftInstitut schon vom neuen Megatrend Achtsamkeit. Und passend zu den Themen der Videosession 4 meint er:


„Der zentrale Begriff lautet: Selbstwirksamkeit. Was meint: Das Selbst und die Welt in ein neues schöpferisches Verhältnis bringen. Achtsamkeit heißt, dass man das Trommelfeuer der Erwartungen, die Flut der Bilder und Ideologien, abschalten lernt – um wahrzunehmen, was ist. Rewiring your Emotions: In der Achtsamkeits-Haltung erproben wir unsere neuronale Plastizität.“

Selbstwirksamkeit handelt also von unserem Verhältnis zu uns selbst und zur Welt, von unseren eigenen Bedürfnissen und der Art unserer Reaktion auf von außen an uns herangetragene Anforderungen. Wenn wir dabei an klimafreundliches Verhalten denken, dann geht es um ganz persönliche Veränderungen und hierbei spielt auch das Gehirn eine wichtige Rolle. Neuronale Plastizität nennt man die Fähigkeit des Gehirns zur Neugestaltung, die wiederum zu verändertem Verhalten führen kann. Wie kann Achtsamkeit dazu beitragen solche Veränderungen hervorzubringen? Über diese Themen sprachen wir mit unserer ersten Interviewpartnerin.


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2 Hölzel & Brähler (2015), S.15

3 Weitere Information s. die Webseite des MBSR-MBCT Verband

4 Siehe die Daten von pubmed, der Medizinischen Datenbank nach der Grafik im Zeit Online Artikel vom 11.03.2018