Kraft der Vision - Wege in eine enkeltaugliche Zukunft

2. Was ist mit Visionen gemeint?

Visionen lassen sich betrachten als markante Zielräume auf einer inneren, mentalen Landkarte. Wie Leuchttürme können diese Orientierung geben und zugleich als Attraktoren wirken, indem ein deutlicher und wünschenswerter Unterschied zur aktuellen Situation erkennbar wird. 


Ich interessiere mich sehr für die Zukunft, denn ich werde den Rest meines Lebens in ihr verbringen.1
Charles Kettering (1876-1958)


Wer sich die Zukunft probehalber schon mal vor Augen führen möchte, kann das auf drei verschiedene Weisen tun: mit Hilfe einer Utopie, inspiriert durch eine Vision oder ganz praktisch an Hand der Szenario-Technik.

Mit dem Entwurf einer Utopie zeichnet man das große Bild einer zukünftigen wünschenswerten Gesellschaft, ohne dass der Weg dorthin klar ist. Über Jahrhunderte waren Freiheits- oder Sozialutopien maßgebliche Idealvorstellungen, für die Menschen sich einsetzten, kämpften und sogar starben. Mit dem Scheitern des „Realen Sozialismus“ in Osteuropa und Russland ist es allerdings recht still geworden um die Idee vom großen utopischen Ideen-(Ent-)Wurf. Stattdessen malt man sich die Zukunft mit Hilfe von Visionen aus, die gewissermaßen die kleinen Schwestern der Utopie sind.

Visionen sind nicht an Gesellschaftsveränderung gebunden, jede Firma hat eine „Vision“ ihrer „Mission“, also eine Vorstellung davon, wo sie hinwill. Dennoch können auch Visionen vom utopischen Denken inspiriert sein, vor allem wenn es um Fragen der gesellschaftlichen Transformation hin zu einer klima- und enkelfreundlichen Zukunft geht. Visionen (in der Mehrzahl) machen die (ferne) Utopie Stück für Stück vorstellbarer. Sie stehen zwischen Traum und Wirklichkeit und ziehen ihre Kraft aus beidem: dem Ungefähren, das dem Wunsch so nahe ist und dem Konkreten, das nach Realisierung verlangt.

„Wir brauchen Luftschlösser“, formulierte der Mitbegründer der Zukunftsforschung, Robert Jungk. Er war es, der das Format der Zukunftswerkstatt erfand, und damit ein demokratisches gemeinsames Instrument des Träumens und Planens.2

In der Disziplin der Zukunftsforschung haben sich mit den Szenariotechniken auch ganz konkrete Instrumente etabliert, die eine Auseinandersetzung mit Entwicklungsoptionen fördern. Zum einen wird die Szenariotechnik z.B. in der Klimawissenschaft eingesetzt, um aufzuzeigen, welche Technologie-entscheidungen sehr wahrscheinlich zu welchem Temperaturanstieg führen werden. Aber auch im Rahmen von Zukunftskonferenzen wird die Szenariotechnik angewandt. In dem Projekt D2030 wurden 8 Szenarien für Deutschland im Jahre 2030 entwickelt. Bei einer Abstimmung in einer Zukunftskonferenz votierten 77 Prozent der Teilnehmer*Innen für das Szenario „Stärke durch Vielfalt“, das für eine erneuerte soziale Marktwirtschaft steht und bei dem Zuwanderung als Chance für gesellschaftliche Vielfalt gesehen wird.3  Diese Szenarien haben gewissermaßen einen visionären Anteil, denn es geht hierbei explizit auch um die Wünsche und nicht um rein faktenbasierte Voraussagen. Es gibt zwar Einrichtungen wie das Institut Futur, samt Masterstudiengang Zukunftsforschung, das Zukunftsinstitut, das Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung und einige andere, aber es bleibt zunächst die grundliegende Problematik:

„Das Vorhersagen ist nicht einfach, besonders, wenn es die Zukunft anbelangt.“
 Albert Einstein (1879-1955)


Aktuelle Vorhersagen und wissenschaftliche Berechnungen aus Klima- und Nachhaltigkeitsforschung zeichnen realistisch betrachtet eher dystopische Szenarien, falls den bisherigen gesellschaftlichen Entwicklungspfaden weiterhin gefolgt wird. Die Möglichkeit bewusst andere Wege einzuschlagen, wird als nichts weniger als die „Große Transformation“ bezeichnet (s. hierzu Video-Session1), einer fundamentalen Neuausrichtung gesamtgesellschaftlicher Lebensweisen.

Im Sinne einer kulturkreativen Transformation, wie sie das CCL anregt, stellt sich die Frage nach der einzuschlagenden Richtung auf dem Weg ins Neuland der Zukunft. In Zeiten drängender Aktionen und Maßnahmen im Klimaschutz braucht es eine gewisse visionäre Freiheit für die Beschäftigung mit Fragen folgender Art: „Wie will ich leben?“ und „Wie stelle ich mir eine lebenswerte klimafreundliche Zukunft vor?“

Mit Visionen sind also Vorstellungen und innere Bilder gemeint, die uns Ideen und ein Gespür davon geben, wie eine positive Zukunft aussehen könnte. Die Entstehung einer Vision ist ein kreativer Prozess, der losgelöst von der „notwendigen“ Betrachtung, was alles getan werden muss, um den ökologischen und sozialen Kollaps zu verhindern, zunächst zum Träumen einlädt.

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1 Die Zitate und Aphorismen in dem Text sind entnommen der creapedia Webseite
2 Siehe hierzu auch den Abschnitt „Methoden für Visionsarbeit“ in diesem Text.
3 Artikel in der taz vom 23.07.2017 „Wo geht´s zur Zukunft?“