Kraft der Vision - Wege in eine enkeltaugliche Zukunft

3. Träume...

...verleihen uns Flügel


„Das Träumen ist der Sonntag des Denkens.“
Henri-Frederic Amiel (1821-1881)



Damit ist nicht gemeint, dass das Denken einen Ruhetag einlegt, sondern eine kontemplative Qualität im Vordergrund steht. Sehnsüchte und Hoffnungen sind an der Entstehung einer Vision maßgeblich beteiligt. Unser Gesprächspartner Theodor Dierk Petzold in Video 2 drückt dies so aus: Zielvorstellungen müssen einen attraktiven Charakter haben. So werden Sie zu Attraktoren, die uns und unser gesellschaftliches System in eine bestimmte Richtung ziehen.

Nicht das Ausformulieren bestimmter Visionen ist hier das Wichtigste, denn es geht nicht um die Buchstaben, sondern die tragendende Kraft, die aus einer Vision erwachsen kann. Sie gibt dem inneren Feuer Nahrung. Auch in schwierigen Zeiten, in denen die Flamme sehr klein sein mag, kann eine Vision das Weiterbrennen erleichtern. Und wir alle kennen das: Wenn ich weiß, wofür mein Herz wirklich schlägt, gehen auch schwierige Arbeiten und Prozesse leichter von der Hand.




... sind Schäume und Utopist*innen realitätsfern?


„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“
Helmut Schmidt (1918-2015)

Helmut Schmidt sagte 2010 in einem Interview mit der ZEIT: „Es war eine pampige Antwort auf eine dusslige Frage“ („Wo ist Ihre große Vision?“). Visionsentwicklung muss also nicht mit Krankheitswert einhergehen, das ist doch beruhigend. Trotzdem herrscht oft das Bild vor, dass Visionen Illusionen wären und sich Utopien einfach nicht lohnen.

Wissenschaftlich fundiert und in diesem Kontext interessant sind die in langjähriger Forschungen gewonnen Erkenntnisse der Psychologin Gabriele Oettingen. Ihr 2015 erschienenes Buch “Rethinking Positive Thinking” fasst die Resultate ihrer Forschung im Bereich der Erwartungen, Hoffnungen und Zukunftsbildern zusammen. Ein frappierendes Ergebnis: Ein zu großes Festlegen auf bestimmte Visionen kann auch negative Effekte haben.4

Gemeint ist damit, dass zu klare Bilder einer gelungen Zukunft dazu führen können, sich im Hier und Heute zu gemütlich einzurichten, quasi in einer „mentalen Komfortzone“ zu verharren und sich nicht mehr ausreichend anzustrengen. Dies illustriert Gabrielle Oettingen im Rahmen einer an dem Beispiel von jungen Menschen, die sich eine gute berufliche Zukunft sehr plastisch vorstellten. Sie sagt, ihre Untersuchungen hätten gezeigt, dass diese Personen später im Berufsleben nicht so erfolgreich gewesen seien, wie Personen, die sich nicht so genaue Vorstellungen gemacht haben. Gleiches würde auch bei der Vorstellung von zukünftigen Partnerschaften gelten.

Auch Theodor Dierk Petzold betont ähnliches im CCL-Videogespräch. Er meinte, man solle sich bei Visionen nicht so festlegen, dies könne oft auch ein Hindernis sein. In dem Fall der Dorfgemeinschaft Heckenbeck hat er sich das zu Herzen genommen und sich bewusst keine genauen Vorstellungen gemacht. Er war sich seinen Wünschen nach Gemeinschaft und einem stärkerem Kontakt zur Natur bewusst, hat aber daraus keine feste Vision entwickelt, sondern diese mit den Menschen, die dazu kamen, im gemeinsamen Tun weiterentwickelt.


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4 https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/haben-wir-einen-mangel-an-visionen/