Navigation und Selbstorganisation - Gemeinsam einen neuen Kompass kreieren

2. Gesprächspartner I - Gerhard de Haan

Prof. Dr. Gerhard de Haan ist seit über 20 Jahren in der Bildungs- und Zukunftsforschung aktiv und führte zahlreiche umfängliche Forschungs- und Entwicklungsprojekte durch. Er war Vorsitzender des Deutschen Nationalkomitees der „UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (2005–2014), und ist wissenschaftlicher Berater in dem nachfolgenden „Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung“ sowie Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Umwelterziehung.

Seit 2011 hat er die Professur für „Zukunfts- und Bildungsforschung“ an der Freien Universität Berlin inne und ist außerdem Leiter des Institut Futur, das sich auf drei Kernbereiche fokussiert: 1. die sozialwissenschaftliche Zukunftsforschung, 2. das Lern- und Handlungsfeld Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und 3. die Forschung zu Transfer von Wissen und Innovationen.


Zusammenfassung des Interviews

Die erste Frage nach nützlichen Hilfestellungen und Werkzeugen zu Navigation und Selbstorganisation hin zu einem wünschenswerten Klimakulturwandel beantwortete de Haan zunächst mit einer Gegenfrage: Wer wünscht sich diesen kulturellen Wandel? Sind das nur wenige, die dann andere dazu auffordern und müssen alle mitmachen?

Aus CCL Sicht würden wir natürlich am Liebsten aus voller Überzeugung sagen: Am besten sollten sich alle Menschen den kulturellen Wandel wünschen und motiviert sein ihn zu gestalten. Aber, natürlich kann es im Sinne eines gemeinsamen Kulturenwandels genau darum nicht gehen, diese Haltung anderen überstülpen zu wollen. Auch dann nicht, wenn die Einsicht, dass es den Wandel wirklich braucht, sich nicht von selbst bei allen Menschen einstellen wird.

Die Situation ist vertrackt. Wer sich für Klimafreundlichkeit und Nachhaltigkeit einsetzen will, steht nämlich vor einer sehr großen Hürde: Das eigene Engagement liefert im Hier und Jetzt keine sichtbaren Resultate. Bei klimafreundlichem Handeln ist der Blick vielmehr auf den Nutzen für das Ganze und die Zukunft gerichtet. Dies funktioniert nach De Haan dann, wenn wir uns als eine Weltgemeinschaft verstehen. Er bezeichnet das als den großen Schritt, den wir tun müssen: die Entwicklung zu einer Wir-Kultur, die gemeinsam für das Wohl des Planeten wirkt.

Es braucht für klimafreundliches Handeln auch „entgegenkommende Bedingungen“. Als ein Beispiel nennt er, dass man eine erhöhte Nutzung von öffentlichem Nahverkehr nicht in Gegenden erwarten könne, in denen solcher kaum vorhanden ist. Zugleich könne aber eine Kostenbefreiung die Nutzung von öffentlichem Nahverkehr steigern.

Gerhard de Haan gebraucht den Begriff einer Pull-Funktion, d.h. Menschen werden dazu angeregt, bestimmte Handlungen selbst auszuführen. Dem stellt er die Push-Funktion gegenüber, d.h. Menschen werden mit einer Änderung von außen konfrontiert (beispielsweise eine jährliche Reduktion von 1% der Parkflächen für Autos in Innenstädten, die zwar keinen sofort spürbaren Effekt zeigt, aber über die Jahre zu einer deutlichen Veränderung führt).

Navigation hat also nicht nur mit der eigenen Ausrichtung und Steuerung zu tun, sondern hängt auch von Kontextfaktoren ab. Diese wiederum können gesamtgesellschaftlich oder auch für eine spezifische Region festgelegt werden. Hierbei spielt laut de Haan die Partizipationsmöglichkeit1 eine große Rolle.  Denn die Beteiligung sei ein Schlüssel, um verstärkt in die Eigenverantwortung zu kommen und nicht nur darauf zu setzen, dass es Politik und Wirtschaft schon alleine richten werden. De Haan macht hier deutlich, dass in erster Linie Gestaltungskompetenz gefragt ist. Gemeint ist damit die Fähigkeit zu handeln und Veränderung hervorzubringen2

Er rät zugleich zu einer großen Ehrlichkeit, denn man müsse sich schon klar machen, dass es bei klimafreundlichem Handeln auch um Verzicht liebgewonnener Gewohnheiten oder geplanter Vorhaben gehen kann. Jedoch bevorzugt er eine Strategie der kleinen Schritte anstelle eines radikalen Verzichtes. Zunächst solle man den Blick nicht auf die ganz großen Veränderungen richten, sondern sich fragen, welcher Wandel könnte mir persönlich leicht fallen? So mag das für die eine Person der Verzicht auf Fleisch sein, für eine andere der Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel.

Am Ende des Gespräches schafft Gerard de Haan ein eindrückliches Bild des KlimaKultur-Wandels: er sei wie ein großes Schiff, das nicht nur die Fahrtrichtung wechseln, sondern auch noch während der Fahrt umgebaut werden muss!

Um dies zu bewerkstelligen braucht es laut de Haan einen mentalen Wandel, ausgelöst durch einen Selbstreflexionsprozess, der unser Verständnis von der Welt und der Verbundenheit mit allen anderen Menschen berücksichtigt. Im CCL sprechen wir hier von der Wichtigkeit der Entwicklung von Wir-Kulturen und dem damit verbundenen inneren Wandel.

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1 Als ein Beispiel wird die Bürgerkonferenz in Neumarkt i.d. Oberpfalz  genannt

Siehe dazu den Text der Rede von Professor De Haan  im Rahmen der konstituierenden Sitzung der Nationalen Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung (29.09.2015)