Kollektive Intelligenz und Kollaboration - Handreichung Teil 1

3. Was die indigenen Völker mit dem Klimawandel zu haben

Der Klimawandel ist eine globale Herausforderung

Mittlerweile ist hinreichend bekannt, dass der Klimawandel eine globale Herausforderung ist. „(Es)ist vielleicht noch mal wichtig, sich klarzumachen, dass selbst schon bei einer Temperaturerhöhung von ein bis zwei Grad die Korallenriffe vollständig verschwinden werden, jedenfalls das Risiko gegeben ist, dann die Instabilität des Grönland-Eisschildes und der Verlust antarktischer Eismassen.“9  Wir im Norden sind vor allem als Verursacher der historisch gewachsenen CO2 Emissionen dafür verantwortlich10. Die Auswirkungen der negativen Folgen des Klimawandels spüren aber besonders diejenigen, die nicht zum Problem beigetragen haben, z.B. die indigenen Völker in Amazonien (sowie alle Gruppen, die in enger Abhängigkeit ihres jeweiligen Ökosystems leben). Es handelt sich also um ein Problem der fehlenden Klimagerechtigkeit, bzw. der existierenden Klima-Ungerechtigkeit.


Palmölplantagen statt Urwald

Eine weltweite Herausforderung für das Klima ist das Abholzen von Regenwald, um z.B. Palmöl anzubauen. Palmölanpflanzungen werfen riesige Renditen ab, denn die Nachfrage nach dem Öl ist groß. Ob Eiscreme, Knabberzeug, Tütensuppen, Cremes, Nutella, Cremes und Pflegeartikel usw.- in jedem zweiten Supermarkprodukt steckt Palmöl11, 12. Neben der internationalen Lebensmittel- und Kosmetikindustrie ist aber ausgerechnet der Klimaschutz ein wichtiger Nachfragetreiber. Die EU und andere Länder wie Peru haben in ihren Klimaschutzstrategien den Ersatz von fossilen Brennstoffen durch Zugabe von Biodiesel z.B. aus Palmöl beschlossen. Dies zeigt, dass der Versuch, den Klimawandel zu bekämpfen, oft weitere problematische Lösungen hervorbringt13


Einschub: Warum ist der Erhalt des Urwalds so wichtig?

Regenwald ist wie jeder Wald eine Kohlenstoffsenke, d.h. indem er wächst speichert er CO2 und produziert Sauerstoff. Einfacher gesagt, er atmet CO2 ein und Sauerstoff aus und heißt deshalb auch „grüne Lunge“.14, 15  Zahlenmäßig ausgedrückt: ein durchschnittlicher Hektar Regenwald bindet jährlich rund 5 – 20 t Kohlendioxid aus der Atmosphäre und beherbergt in seiner Biomasse ständig rund 250 t Kohlenstoff16.  Im Gegensatz zur Monokultur der Palmölplantagen laugt er außerdem die Böden nicht aus. Primärer Urwald bietet Lebensraum für Tiere und Pflanzen, die alle zu einem nachhaltigen Naturkreislauf beitragen. Wird Urwald für Palmölplantagen gerodet, wird nicht nur eine besonders intensive Kohlenstoffsenke zerstört, sondern auch ein ineinandergreifendes Biosystem, das die Lebensgrundlage der indigenen Völker ist.


Indigene Völker haben das Nachsehen

Es ist nicht nur ungerecht, dass die indigenen Völker direkt unter dem Klimawandel leiden, den wir maßgeblich verursacht haben. Zusätzlich leiden sie unter den Palmölplantagen, denn zum Anbau von Palmöl wird viel Platz gebraucht. Der ist in Form von Primärurwald vorhanden – dazu gehören auch die im Prinzip rechtlich anerkannten Territorien der Indigenen. Investoren in der Region Ucayali, zu dem die Gemeinde Yarinacocha gehört, ist es unter zum Teil Einsatz fragwürdigster Methoden gelungen, sich dieser Gebiete zu bemächtigen.

„Nirgendwo sonst in Peru sind so viele Flächen für den Anbau von Ölpalmen und Kakaopflanzen abgeholzt worden wie hier. 13.000 Hektar Land wurden in dem Gebiet in Perus Osten umgewandelt.“17  Möglich wurde dies laut der Umweltorganisation Proética aufgrund von Korruption bei der Vergabe der Landrechte und durch Einschüchterung der (meist nicht-indigenen) Kleinbauern. Außerdem wurden Besitztitel für Ländereien auf dem indigenen Territorium illegal vergeben.18, 19  Dadurch wurden gesetzliche kollektive Eigentumsrechte der Gemeinschaft verletzt. Gleichzeitig ist es in Peru wie an vielen Orten dieser Erde: die indigene Bevölkerung wird von der eigenen Regierung nicht ernst genommen und hat kaum eine Lobby.


Die naturverbundene Lebensweise der indigene Völker ist Teil der Lösung – und gleichzeitig bedroht

An dieser Stelle kommt die Lebensweise der indigenen Bevölkerung ins Spiel. Im Gegensatz zu unserer hochtechnisierten, dem Wirtschaftswachstum verpflichteten Alltagskultur aus Ressourcenverbrauch, Müllproduktion und Fortschrittsglauben beruht das indigene Leben auf Naturverbundenheit. Dazu gehört der Natur nur das zu entnehmen, was man ihr wieder zurückgeben kann, aber auch eine WIR-Kultur des solidarischen Zusammenlebens. Als Träger traditionellen Wissens gelingt es indigenen Völkern, fragile Ökosysteme zu erhalten und gleichzeitig zu bewirtschaften. Die indigene Lebensweise ist also ein Paradebeispiel für klimafreundliches Leben, das auch Inspirationen für uns bereithält.

Seit der Anpflanzung der Palmölplantagen gelingt es der indigenen Bevölkerung allerdings kaum noch so zu leben. Denn mit der Rodung und der zunehmenden Belastung des Bodens durch Pflanzenschutzmittel aus den Palmplantagen, verringerte sich die Anzahl der großen Tiere ebenso wie die der Vögel und Fische. Die traditionelle Form der Nahrungsbeschaffung ist so nicht mehr möglich. Mit der Zerstörung des Regenwaldes wird dem Klima daher direkt UND kulturell geschadet.


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9 Edenhofer fährt fort: „Das steht also alles im Raum, ebenso der Meeresspiegelanstieg, aber wir müssen ja damit rechnen, dass wir sehr viel stärker die globale Mitteltemperatur anheben, eher vier Grad. (…) Also, wenn wir uns mal vorstellen, dass der 1,5 Grad-Bericht des IPCC zwar sagt, wir haben vielleicht ein paar Hundert Gigatonnen, 300 Gigatonnen mehr CO2-Budget zur Verfügung, dann muss man feststellen, das haben wir ja schon völlig verfrühstückt, denn alleine 300 Gigatonnen würden schon aufgebraucht durch die Kohlekraftwerke, die sich im Bau befänden und die jetzt schon Strom lieferten. Also, die werden über ihre ökonomische Lebenszeit hinweg alleine schon 330 Gigatonnen emittieren.“ Ottmar Edenhofer im Interview mit dem Deutschlandfunk

10 Im Jahr 2006 allerdings überholte China, das sich damals noch zu den sog. Entwicklungsländern zählte, die USA im CO2-Ausstoß und ist seitdem die Nummer 1.

11 https://www.wwf.de/themen-projekte/landwirtschaft/produkte-aus-der-landwirtschaft/palmoel/

12 Ganz abgesehen davon sind diese von Konzernen wie Unilever oder Nestlé hergestellten Lebensmittel zum größten Teil ungesund, weil sie hochverarbeitet sind und zu viel Fett, Zucker und/oder Salz enthalten

13 Die Kontroverse Naturschutz versus Klimaschutz, wie wir sie z.B. in Deutschland kennen aus der Gegnerschaft zwischen Vogelschützern und Windkraftfreunden, kann man auch in Amazonien sehen: der Ausbau von Wasserkraftwerken in Amazonien zeigt die Widersprüche auf, dass umweltfreundliche Energieproduktion durchaus auch verheerende negative soziale Folgen haben kann.

14 https://www.dw.com/de/erkl%C3%A4rfilm-was-ist-eigentlich-wald-und-wozu-ist-er-da/a-44597252

15 https://www.dw.com/de/notruf-aus-dem-wald-die-erde-verliert-ihre-gr%C3%BCne-lunge/a-44908786

16 ASTM/Klima-Bündnis Luxemburg (Hrsg.), 2013: Wie alle sind Zeugen – Menschen im Klimawandel, S. 15

17 https://www.dw.com/de/macht-korruption-gigantische-palm%C3%B6l-plantagen-in-peru-erst-m%C3%B6glich/a-44017120

18 Hier die mit finanzieller Unterstützung der Bundesregierung dazu erstellte Studie

19 Einen sehr spannenden weiterführenden Artikel zu den teilweise kriminellen Machenschaften gibt es hier: https://www.zeit.de/2016/38/peru-kokain-drogen-un-hans-jochen-wiese/komplettansicht