Kollektive Intelligenz und Kollaboration - Handreichung Teil 1

4. Warum es so wertvoll ist, dass Köln und Yarinacocha Partner sind

Die indigenen Völker in Amazonien sind also wichtige Akteure und Inspirationsquelle auch für uns im Norden bei der Suche nach Lösungen im KlimaKultur-Wandel. In ihren Gebieten (rechtlich anerkannte Territorien) befinden sich noch ca. 30% des im Ökosystem Regenwald befindlichen Kohlenstoffes. Sie bei ihren Anstrengungen zum Schutz ihrer Gebiete zu unterstützen, hat insofern nicht nur soziale Folgen, sondern verhindert zusätzliche Emissionen durch die Zerstörung von Regenwald und ermöglicht, dass wir von ihnen lernen können. Die Klimapartnerschaften sind hierfür ein gutes Instrument. Sie verbinden im Rahmen gemeinsamer Klimaschutzanstrengungen unterschiedliche Realitäten und Akteure miteinander.

Im Sommer 2017 hatte der Rat der Stadt Köln die Kooperation mit der Kommune Yarinachocha ganz offiziell beschlossen20, ganz so, wie es das Programm der SKEW, über das der Austausch auch finanziell ermöglicht wird, formell vorsieht. Die erste offizielle Delegationsreise der deutschen RepräsentantInnen nach Yarinacocha im Februar 2018 erregte sofort das Interesse der übergeordneten Regionalregierung in Peru, auch ein Treffen mit dem deutschen Botschafter fand statt. Schließlich ist die Stadt Köln eine wichtige europäische Metropole und Yarinachocha Teil einer dynamisch wachsenden Region nahe der Stadt Pucallpa. Aber das Besondere war nicht nur die Begegnung zweier ungewöhnlicher Kommunalpartner. Genauso wichtig war die Rolle der Brückenfunktion, die das Klima-Bündnis bei dem Treffen spielte. Einerseits vertrat es seine Mitgliedkommune Köln und andererseits seine indigenen Partner, die normalerweise auf der Kommunalebene in Yarinachocha keine Fürsprecher haben. Das Klima-Bündnis schaffte hier eine Verbindung, indem es die indigene Organisation Feconau als Teil der Zivilgesellschaft -ganz wie im SKEW-Programm vorgesehen- als weiteren zentralen Akteur unterstützte. Das Besondere daran waren die Aufmerksamkeit und die offizielle Aufwertung, die die indigenen Belange auf diese Weise erfuhren.

Denn vor Ort in der Region Ucayali waren und sind die Verhältnisse verhärtet. Die indigene Bevölkerung befindet sich im (Rechts-)Streit mit verschiedenen Verwaltungsebenen. Ihre Forderungen nach Anerkennung und/oder Restaurierung ihrer Landbesitztitel stoßen vielfach auf taube Ohren. Robert Guimares, der sich seit Jahren dafür einsetzt, hat sich dadurch bei den Plantagenbesitzern mehr als unbeliebt gemacht und zahlreiche Todesdrohungen erhalten21.  Er appellierte immer wieder vergeblich an die Regional- und Nationalregierung, das Ministerium für Landwirtschaft und das Ministerium für Umwelt. „Einerseits“, so zitiert ihn INFOE, „werden Gelder für den Schutz des Waldes entgegengenommen und andererseits wird die Zerstörung und die Verletzung unserer Territorien ermöglicht."22

Durch den Besuch der offiziellen deutschen Delegation kam Bewegung in die festgefahrene Situation in der Ucayali-Region. Die Tatsache, dass sich das Klima-Bündnis zusammen mit dem Bürgermeister der Metropole Köln für die indigenen Belange stark machte, führte dazu, dass Indigene erstmals in einen Dialog mit der Stadtverwaltung mit Yarinacocha eingebunden und ernst genommen wurden.

An dieser Stelle zeigt sich besonders deutlich, wie in ungewöhnlichen Kooperationen der Keim für eine neue Form der kollektiven Intelligenz angelegt ist. Man könnte es folgendermaßen auf den Punkt bringen: Einerseits unterstützt die SKEW Kommunen, Projekte effektiv und im offiziellen Rahmen umzusetzen. Andererseits setzt sich das Klima-Bündnis für die Interessen der indigenen Bevölkerung ein. Ihre Lebensweise und ihr Wissen, die bisher vor Ort keine anerkannte Sichtbarkeit hatten, erhalten durch diese Kombination eine offizielle Aufwertung. Die indigene Perspektive wird so auf hierarchischen Ebenen präsentiert, die sich vorher verschlossen haben und die jetzt gefordert sind, sich damit auseinanderzusetzen. Das indigene Wissen fließt in neue Kanäle ein. Dies gilt umgekehrt natürlich auch für die Partnerstadt Köln in Deutschland. Und damit wären wir beim Thema KlimaKultur-Wandel angelangt.

Was genau können wir von Leuten wie Robert Guimaraes lernen? Bei dem Austausch geht es auch darum, die unterschiedlichen kulturellen Ansätze (die westliche wissenschaftliche Sicht gegenüber dem traditionellen Wissen der indigenen Kulturen) besser zu verstehen und miteinander zu verbinden. Vor Ort in Köln ging das ganz direkt. Als Teil des SKEW-Programms mit seiner verbindlichen Anzahl an Delegationsreisen hielt Robert Guimaraes verschiedene Aufklärungsvorträge in Köln, u.a. an Schulen und Universitäten. Hier kann man ihm und jenseits geschriebener Texte die Bedrohung spüren, unter der die Indigenen zu leiden haben. Praktische Konsequenzen sind einerseits, dass sich aus diesen Begegnungen Fair-Trade-Beziehungen rund um landestypische Waren ergeben. Vor allem aber wird ein umfassender und fühlbarer Bewusstseinsanstoß vermittelt: Wie leben wir eigentlich? Wo ist überall Palmöl drin, kann man den Konsum davon überhaupt vermeiden?23 Wie müssten wir leben, damit wir nicht ein Vorbild sind, das Lebensgrundlagen zerstört? Wie kann die Lebensweise der Indigenen uns inspirieren? Wie können wir in der Folge handeln, um eine kollektive Intelligenz zu entfalten, die klimafreundliche Lebens- und Wirtschaftsweisen ermöglicht?


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20 Für die erfahrene nordrhein-westfälische Metropole war es bereits das dritte kommunale Entwicklungszusammenarbeitsprojekt - mit Corinto in Nicaragua gibt es seit 1988, mit Rio de Janeiro seit 2011 eine Zusammenarbeit

21 https://www.dw.com/de/todesdrohungen-f%C3%BCr-peruanische-palm%C3%B6laktivisten/a-42653023

22 https://www.infoe.de/themen/wald/252-santa-clara-uchunya-und-feconau-reichen-klage-gegen-peruanische-behoerden-und-auf-schutz-vor-plantaciones-pucallpa-sac-ei

23 https://utopia.de/galerien/palmoel-produkte-marke-palmoelfreie-alternativen/