Kollektive Intelligenz und Kollaboration - Handreichung Teil 1

5. Das Konzept des Buen Vivir

Das Konzept Buen Vivir (Gutes Leben) erfasst in seiner Offenheit und Vielfalt insgesamt die Wertvorstellungen und Weltanschauung der indigenen Völker der Anden. Weit entfernt von der Idee des „Dolce Vita“ hinterfragt es die westlich geprägten Vorstellungen von Entwicklung und Fortschritt. Es zielt auf ein Gleichgewicht mit der Natur, der Verringerung sozialer Unterschiede und ein solidarisches Wirtschaften. Politisch steht es für eine vielfältige Demokratie mit viel Spielraum für zivilgesellschaftliche Partizipation. Dabei beruft es sich „auf die viel längere Tradition des indigenen Denkens gegenüber der christlich-okzidentalen Tradition, die als egozentrisch und eurozentrisch abgelehnt wird.“25  In einer sehr informativen Broschüre der Heinrich Böll-Stiftung kann man nachlesen, wie Teile des Konzepts im Jahr 2008 dank des damaligen Präsidenten der Verfassungsgebenden Versammlung von Ecuador, Alberto Acosta, sogar Eingang fanden in die neue Verfassung von Ecuador26

„Buen Vivir“ ist ein lebendiger Vermittlungsansatz, der ganz unterschiedliche Lebenswirklichkeiten adressiert. „Den Ansatz des „Buen Vivir“ verstehe ich als einen weiteren Versuch der Übersetzung indigener Konzepte und Denkweisen in unsere westliche Realität. In diesem Fall wurde es sogar in die Verfassungen Ecuadors und Boliviens eingebaut, also in einen nationalen Rechtsrahmen“ sagt Thomas Brose.

Alberto Acosta reist damit auch als Botschafter durch die Welt, um es bekannt zu machen. Das "Gute Leben" übersetzt verschiedene indigene Ansätze in eine Sprache, die bei unseren Denkgewohnheiten und unserer Realität anschlussfähig ist. Das ist aber noch nicht alles.

Mindestens genauso wichtig ist, dass dieses Konzept Augenhöhe herstellt mit unserem Denken und sich damit von der hierarchischen Vorstellung einer Entwicklungspolitik verabschiedet. „Die Ideen von Buen Vivir kann man nicht in der Moderne einordnen“27 , sagt Alberto Acosta. In dem Konzept steckt eine Entwicklungskritik, es ist keine Entwicklungsalternative. Denn im indigenen Denken hat die lineare Vorstellung von Weiterentwicklung keinen Platz. Es geht vielmehr um etwas wirklich Anderes, um etwas Gemeinschaftliches, um verschiedene Arten des guten Zusammenlebens „von Menschen in einer Gemeinschaft, von verschiedenen Gemeinschaften und von Individuen und Gemeinschaften einerseits und der Natur andererseits.“28 

Acosta illustriert dies an Hand von Beziehungsformen: da gibt es z.B. Minka, eine Form kollektiver Arbeit, Ranti-Ranti, ein umfassendes Tauschsystem, bei dem Werte, Produkte und Arbeitstage verkettet sind oder Waki, die Zuteilung landwirtschaftlicher Flächen an andere, wenn man selbst nicht da ist.29 Die Beziehungsformen spiegeln drei Prinzipien wider: Gemeinschaft, Verbundenheit mit der Natur und geistige/spirituelle Beziehung.

In Vorträgen erläutert Acosta auch, wo diese Prinzipien bei uns im globalen Norden bzw. in Deutschland ihre Äquivalente haben. Beispiele für Gemeinschaft sind die Bewegung „Solidarische Landwirtschaft“, Produktionsgenossenschaften, kommunale Währungen oder die Bürgerenergiewende. Verbundenheit mit der Natur findet sich in der Bewegung für die Rechte der Natur (Biokratie)30. Hier geht es darum, die Natur als Rechtssubjekt zu etablieren. Verbundenheit mit der Natur zeigt sich auch im Bewusstsein, dass Wasser ein Gemeingut ist und nicht privatisiert werden darf. Beim Thema „spirituelle Beziehungen“ betont Acosta die Rolle von Vertrauen und Solidarität.

Aber natürlich kommt auch die Kultur im engeren Sinn nicht zu kurz. Auf seinen vielfältigen Vortragsreisen wird Acosta oft begleitet von der Musikerformation Grupo Sal. Beschwingt gelingt es ihr, auf der emotionalen Ebene im gemeinsamen Verstehensprozess Resonanzen zu erzeugen und zu zeigen, worin die Chancen für den kommunalen Klimaschutz im Dialog mit indigenen Völker liegen und was uns diese geben können. Was wir daraus lernen können? Wege zu einer Gesellschaft des einfachen Wohlstands, der Freude des Zusammenseins, dem Einklang mit der Natur: Statt Egoismus Komplementarität, statt Wachstum Nachhaltigkeit, statt Profit Gegenseitigkeit, statt Akkumulation Kooperation, statt Effizienzsuche Suffizienz.


Buen Vivir und Suffizienz

Wenn man die neun Forderungen einer neuen Lebensphilosophie des Buen Vivir durchliest31,  sieht man schnell, dass es viele Gemeinsamkeiten mit den Forderungen nach einer Suffizienzökonomie gibt, wie man sie aus der Degrowth-Bewegung kennt. „Das Buen Vivir trifft sich offensichtlich mit anderen Bestrebungen, die aufgrund eines allgemeinen Unbehagens an überkommenen Wachstums- und Fortschrittskonzepten nach neuen Ideen suchen.“32  Auch der Gemeinschaftsfokus des Konzepts hat Vorläufer; Alberto Acosta nennt ausdrücklich Ivan Illichs Idee der Konvivialität als Inspirationsquelle. Der austroamerikanische Kulturkritiker Ivan Illich war auf Seiten des globalen Nordens ein wichtiger Vorbereiter für den Suffizienzgedanken, den sein Mitstreiter und Schüler, der Soziologe Wolfgang Sachs 1993 im deutschsprachigen Raum zum ersten Mal verwendete und in seinen vier „E“ zusammenfasste: Entrümpelung, Entflechtung, Entkommerzialisierung, Entschleunigung.33, 34   Sachs sprach damals von einer „Suffizienzrevolution“, die nötig sei.

Seitdem sickerte der Suffizienzgedanke über die unterschiedlichsten Kanäle in die Gesellschaft ein. Ein weiterer wichtiger Verfechter des Konzepts in Deutschland ist der Volkswirt Niko Paech35, der den Begriff „Postwachstumsökonomie“ prägte. International diskutiert wird die Notwendigkeit eines freiwilligen Wandels „zu einer gerechten, partizipativen und ökologisch nachhaltigen Gesellschaft“36  spätestens seit 2008 auf den alle zwei Jahre stattfindenden Degrowth-Konferenzen. Während jedoch noch im Jahr 2014 der Rechtsanwalt und Wissenschaftler Hermann Ott den Abstand der dort diskutierten Wirtschaftsmodelle zur Politik als „unglaublich groß“37  bezeichnete, hat sich bereits 2018 das Blatt gewendet. Im September dieses Jahres tagte in Brüssel die „Post-Growth 2018 Conference“38, zu der fünf Fraktionen des Europaparlaments aufgerufen haben. Unterstützt wurden sie durch einen Appell von über 200 Wissenschaftler*innen39, die sich auf die immer stärker werdende Bewegung für eine Postwachstumsbewegung bezieht und die europäische Politik u.a. auffordert, Alternativen zu entwickeln.


Entfaltung der Kollektiven Intelligenz im kommunalen KlimaKultur-Wandel-Alltag

Die Kollektive Intelligenz ist also schon dabei, sich an der gerade entstehenden Realität einer anderen Welt auszurichten. Das Bewusstsein, dass wir alle betroffen sind und umsteuern müssen und dass Wachstum als Modell nicht mehr funktioniert, verbreitet sich. Immer mehr Menschen nehmen wahr, dass etwas mit unserer Lebensweise nicht stimmt. Wichtig ist, dass dies gemeinsam geschieht, dass wir gemeinsam fühlen, was eine Sackgasse ist und wo die Auswege liegen. Dann fällt es auch nicht mehr so schwer, vom Bewusstsein ins Handeln zu kommen. Wissen allein genügt nicht – es geht um das Gefühl der inneren Gewissheit, gemeinsam anders handeln zu wollen und etwas bewegen zu können.

Im direkten Kontakt mit den Botschafter*innen einer alternativen Lebensweise aus Amazonien können auch Kommunen diesen Impuls für eine neue kollektive Intelligenz aufgreifen. Bei der gemeinsamen Umsetzung von Klimaschutzprojekten entsteht jene kulturell befruchtende Begegnung, die nötig ist für die nächsten Schritte in eine enkelfreundliche Zukunft. Unter https://skew.engagement-global.de/kommunale-klimapartnerschaften.html finden sich alle Informationen, die zur Beantragung der finanziellen Unterstützung einer Klimapartnerschaft durch das SKEW nötig sind. Aber auch unabhängig davon gibt es zahlreiche Kooperationsmöglichkeiten


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25 Vatheuer, Thomas (2011): Buen Vivir. Eine kurze Einführung in Lateinamerikas neue Konzepte zum guten Leben und zu den Rechten der Natur. S. 11. Band 17 der Schriftenreihe Ökologie; Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin, abgerufen unter https://www.boell.de/sites/default/files/Endf_Buen_Vivir.pdf

26 ebd. S.16

27

28 Acosta, Alberto (2016): Die Welt aus der Perspektive des Buen Vivir überdenken; Übersetzt von Mercè Ardiaca Jové; S. 11, download unter: https://www.degrowth.info/de/dib/degrowth-in-bewegungen/buen-vivir/

29 ebd.

30 https://www.rechte-der-natur.de/de/