Handreichung "Kollektive Intelligenz und Kollaboration" (II)

4. Zusammenfassung des Interviews

Klimawandel ist etwas, was in jedem von uns anfängt“ (Thomas Hübl im Interview)

Die Hauptfrage im Gespräch mit Thomas Hübl war die nach dem möglichen Beitrag kollektiver Intelligenz und Kollaboration zum KlimaKultur-Wandel und genereller den Herausforderungen des Klimawandels. 

Hübl beginnt mit einer Definition von „Intelligenz“ an sich – seiner Meinung nach ist Intelligenz nämlich „Information in Bewegung“, die ein komplexes Netzwerk an Beziehungen ausbildet, ähnlich der neuronalen Strukturen in unserem Gehirn. Wenn ein Kind heranwächst und diese Strukturen nach und nach wachsen, entsteht ein Abbild des Außen – der Welt wie das Kind sie wahrnimmt –  im Inneren des Kindes. Dies sei auch die Grundlage der Beziehungsfähigkeit des Menschen, die er als fluiden und hochkomplexen Informationsfluss von außen nach innen und umgekehrt beschreibt. Unsere sozialen Strukturen, oder sozialen Skulpturen, wie er es nennt, sind insofern auch gleichzeitig ein äußeres Abbild unser inneren „Architektur“.

Auf Basis dieser Annahmen hätte auch der Klimawandel eine innere Dimension in jedem von uns, hierauf geht er zu einem späteren Zeitpunkt noch detaillierter ein. Zunächst jedoch erklärt er, dass kollektive Intelligenz mit unserer inneren Bereitschaft und vor allem unser Kapazität zu tun hat am aktuellen, kollektiven Geschehen teilhaben zu wollen bzw. zu können. Unsere Fähigkeit der beziehung aufeinander, die sogenannte „Beziehungsintelligenz“ geht also der kollektiven Intelligenz und auch der Kollaborationsfähigkeit voraus. Hübl nutzt für diese Fähigkeit, auf äußere Umstände angemessen und „erwachsen“ einzugehen den englischen Begriff Response-ability, also die Kompetenz, auf etwas bewusst antworten zu können (Antwortfähigkeit), anstatt nur (unbewusst) zu reagieren. Diese „erwachsene“ Art der Bezugnahme sei in unserer Gesellschaft nicht die Norm, meint Hübl weiter, vor allem in Bezug auf die wachsenden Herausforderungen des Klimawandels. In der Mehrheit würde hier aus unbewussten, alten und reaktiven Verhaltensmustern agiert und es entstünde die schon erwähnte Lücke zwischen Einstellungen oder Werten und dem tatsächlichen Verhalten.

Die aktuell beschränkte Fähigkeit zur Bezugnahme vieler Menschen beruht seiner Meinung nach auf dem bestehenden Über-maskulinen Gesellschaftsparadigma von Macht, Kontrolle und Dominanz. Genau hier eine Veränderung zu initiieren, die Menschen also zurück zu ihrer Selbstverantwortung als erwachsene Weltbürger zu führen, sieht Thomas Hübl als essentiellen Kernpunkt für die Entwicklung einer klima- und menschen-freundlichen Kultur. Grundlegend die menschliche Kulturentwicklung betrachtend, beschreibt er zwei wichtige Kräfte, die seiner Ansicht nach bereits bewusst gemacht werden und in laufenden Projekten und Maßnahmen zu einer nachhaltigen Entwicklung integriert sind:

  1. Evolution als Kraft, die von Natur aus intrinsisch im Menschen wirkt und dazu führt, dass Menschen einen Beitrag zur Entwicklung ihrer Kultur und der Welt leisten wollen.
  2. Gewohnheiten, der Habitus, also eher unbewusste Muster, als Kraft, die stabilisierend, einschränkend wirkt, jedoch durch eine bestimmte Menge an „Aktivierungsenergie“ umgelenkt werden kann, z.B. wenn durch Leidensdruck eine hohe Veränderungsmotivation entsteht und dann durch direkten Handlungszwang oder auch durch Bildung, Training und Kompetenzaufbau eine Weiterentwicklung passiert.

Darauf aufbauend führt Hübl den, bislang in der Debatte zur ungenügenden Geschwindigkeit im Wandel wenig berücksichtigten, dritten Aspekt des individuellen und vor allem kollektiven Traumas ein. Seiner Meinung nach führt die unter Evolution beschriebene Kraft, in Bezug auf Gewohnheiten und unbewusste Muster unter Umständen zu Veränderungsdruck und Entwicklung. Trifft dieser Druck jedoch auf traumatisierte Anteile im Menschen, führt dies nicht zu Verhaltensänderung, sondern lediglich zu Gegendruck/Abwehrreaktionen und wirkt somit kontraproduktiv. Hier spielen laut Hübl sowohl individuelle, biografische Traumata eine Rolle, als auch kollektive und generationsübergreifende Traumatisierungen, die, solange sie unerkannt bleiben, wie „Sand im Getriebe“ wirken.

Beide Arten von Trauma können seiner Meinung nach starke Störungen im Prozessablauf von Informationsaufnahme und -verarbeitung verursachen, und im Ergebnis aktiv reduzierte Wahrnehmungsfähigkeit oder sogar komplette Blockaden bei Individuen und Gruppen von Menschen hervorrufen. Dies können sowohl Anpassungsstörungen, dissoziative Störungen oder genereller emotionale Taubheit gegenüber intensiven Erlebnissen oder Erfahrungen sein. Beispiele hierfür sind die ungebrochene Abholzung des Regenwaldes, auch nachdem ein Bewusstsein dafür entstanden ist, dass der Mensch sich dadurch die eigenen Lebensgrundlagen zerstört; oder die weiter steigende Nachfrage nach Fleisch, obwohl deren Auswirkung auf den Klimawandel allgemein bekannt ist.

Werden diese Traumata hingegen bewusst gemacht und intelligent in die Auseinandersetzung zum spezifischen Thema integriert, dann werden die bis dahin externalisierten Probleme in individuelles Verständnis und Mitgefühl gewandelt (z.B. dafür, dass viele Menschen sich beim Thema Klimawandel geradezu ausklinken und nicht mit der Thematik befassen wollen bzw. weiter Fleisch essen oder fliegen u.a.). Es bieten sich neue Lösungsansätze.

Traumatisierungen (individuell und kollektiv) führen also laut Hübl zur Stagnation der essentiellen Entwicklungsprozesse. Sie erzeugen quasi emotionale „blinde Flecke“, die zu einer nicht angemessenen Beurteilung des kulturellen und kollektiven Status quos unserer Gesellschaft führen. Alle Traumata zusammengenommen führen zu sogenannten „Symptomfeldern“, die wir als Gesellschaft bisher nicht zu behandeln wissen. Im Umkehrschluss bedeutet die Entwicklung kollektiver Intelligenz und Kollaboration in Bezug auf den Klimawandel zwingend auch Traumaheilung/Traumaarbeit3.

Im weiteren Verlauf des Interviews geht Thomas Hübl kurz auf die in den letzten 150 Jahren erfolgte weitreichende Entwicklung in der Individual-Psychologie und -Therapie ein und betont, dass nun der Zeitpunkt gekommen sei, diese Ergründung und Beforschung der Innenwelt des Menschen auf das Kollektiv auszuweiten. Durch Traumata findet seiner Meinung nach entweder eine „Über-mutige“ oder „Über-ängstliche“ Beziehungsbildung zur Welt statt, die wirklichen Kontakt und Verbindung und somit auch volle Selbstverantwortung verhindert. In Folge dessen wird Verantwortung teilweise externalisiert, z.B. an die Regierung. Gleichzeitig wird die so entstehende „Top-Down“ Führung unserer Gesellschaft von vielen als „auferlegt“ wahrgenommen, es bilden sich Widerstandsdynamiken und eine übermäßige Beschwerdekultur, ohne die Wahrnehmung der Eigenverantwortung.

Zusammengefasst heißt das; Obwohl unser Umweltbewusstsein seit Jahren steigt, findet nicht in gleichem Umfang eine Umsetzung des Wissens, eine tatsächliche Verkörperung des Bewusstseins in den Menschen statt. Hübl führt diesen viel zu langsamen Fortschritt im (Klima)Kultur Wandel auf die nicht behandelten oder angemessen integrierten, kollektiven Traumata einerseits und die daraus folgende Verantwortungsabgabe und „Beschwerdekultur“ andererseits zurück.

Er betrachtet dies jedoch auch nicht als unüberwindbares Hindernis, sondern betont im Gegenteil die Wichtigkeit diese Problematik als Teil des Weges und nicht als Hindernisse „auf dem Weg“ zu sehen. Seiner Meinung nach ist die aktuelle Verzögerung im Kulturwandel folglich ein Teil des Entwicklungsprozesses der Menschheit, der im abstrakten Sinne nötig sei, um unseren Weg weiter erfolgreich beschreiten zu können. Dies bedeutet nicht, dass wir nicht aktiv etwas zur Veränderung und Entwicklung beitragen können oder sollten. Es meint eher, dass Menschen die hier einen Beitrag leisten wollen, sich optimistisch und akzeptierend auf diese Verzögerung oder Stagnation beziehen müssen, um tiefgreifende Lösungen finden und implementieren zu können. Diese Einbeziehung und Weiterentwicklung der bestehenden Probleme hin zu Lösungsansätzen, anstatt deren weitere Externalisierung, ist einer der Kernpunkte des Interviews.

So sieht Hübl die Herausforderung Klimawandel auch als Chance für einen Entwicklungssprung in der menschlichen Kulturevolution, da die entstehenden Probleme uns zum einen sehr deutlich aufzeigen, dass unser gegenwärtiger Lebensstil nicht funktioniert und mit der Umwelt nicht in Einklang ist und zum anderen Alternativ- oder Weiterentwicklungen, spezialisierte Kompetenzen und einen neuen Kulturaufbau vorantreiben.

An dieser Stelle erwähnt Andrea Steckert, die das Interview als CCL Projektleitung führt, den oft benutzten Vergleich des Transformationsprozesses mit einem Tanker, der auf hoher See und bei voller Fahrt umgebaut werden müsse. Sie leitet daraus ab, dass in vielen Fällen die Widerstände gegenüber der Klima-Thematik bei Individuen als Desinteresse missverstanden würden, obwohl sie doch eher heillos mit ihrem Tankerumbau überfordert seien und ihr Nervensystem durch reduzierende Traumata keine Kapazitäten mehr „übrig“ hätte.

Das Gute an diesem Bild sei jedoch, so Hübl, dass es die Tatsache der Flexibilität und Anpassungsfähigkeit des menschlichen Nervensystems zeige – dies mache den Umbau unter den erschwerten Bedingungen der heutigen komplexen und stark beschleunigten Welt also trotzdem grundsätzlich möglich. Nur sei eben neben den benannten Punkten auch aufgrund der oftmals fehlenden Verarbeitungs- oder Verschnaufphasen die Aufnahmefähigkeit niedrig, wodurch der Umbau insgesamt nur langsam und mit vielen Umwegen stattfinden kann. „Wer von uns führt heute schon ein regeneratives Leben?“ fragt er, bzw. wie nachhaltig fühlt sich mein Alltag an, wie mein Umgang mit meinem körpereigenen Energiehaushalt? Fühle ich mich fit, vital oder körperlich und emotional ausgelaugt? Wie steht es um meine Gesundheit? Hübl betont, dass auch wir Teil des Systems Planet Erde sind und unsere naheliegendste Natur unser Körper ist. Wenn wir hier nicht für Veränderung bereit sind, so Thomas Hübl, dann ist es wahrscheinlich, dass wir auch im außen nichts verändern werden. Dies sei auch der Grund warum historisch betrachtet kulturelle Veränderungen und Umbrüche erst durch tiefgreifende Krisen, die alle Beteiligten direkt betrafen, ausgelöst wurden.

Zum Abschluss geht Hübl auf die Frage ein, was unsere Kultur und die Wirksamkeit kollektiver Intelligenz und Kooperation hin zu einer nachhaltigen Entwicklung heute unterstützen könnte. Er sieht einen Katalysator in der Schaffung und gemeinsamen Entwicklung von Dialogräumen, in denen kollektive Intelligenz und Kollaboration sich ausbreiten und kultiviert werden können – denn dadurch entstehe Emergenz im Austausch zwischen den Anwesenden, also mehr Intelligenz, Kreativität, Ideen etc., als die Summe der Einzelintelligenzen etc. Er meint „wir machen nicht Entwicklung, wir bilden Umgebungen, in denen Entwicklung geschehen kann“. Diese Kontextgestaltung und Steuerung sei die hohe Kunst. Kommunale Prozesse müssten also ein Verständnis (kollektiver) Traumatas beinhalten, um sowohl Kulturdynamiken als auch zwischenmenschliche (Beziehungs-) Dynamiken offener behandeln, begreifen und zum Positiven lenken zu können. Trainings, z.B. für Führungskräfte, könnten zur Verbesserung der Prozessqualität beitragen. Das jetzige Unwissen über Traumawirkungen, Funktionen des Nervensystems und Reaktionen bei Überlastung etc., führe mitunter zu weitreichenden Fehlinterpretationen von Verhalten im Alltag, z.B. bei der Einschätzung der Weigerung vieler Menschen, sich mit den Klimaschutz-Maßnahmen ernsthaft auseinanderzusetzen oder selbst tätig zu werden. Auch das vehemente Beharren auf einer nicht klimafreundlichen Ernährungsweise - trotz der vielen ökologischen und gesundheitlichen Fakten, die dagegen sprechen. Diese scheinbare Teilnahmslosigkeit oder das nach außen dargestellte Desinteresse können dadurch sogar zum Boykott wichtiger Veränderungsstrategien führen.

Nach dem Interview leitet Thomas Hübl noch eine 5-minütige Achtsamkeitsübung an, eine meditative Reflexion, in der er direkt Bezug auf die Themen des Interviews nimmt und unter anderem folgende Fragen stellt:

  • Wie beziehst du dich auf das, was dir tagtäglich begegnet?
  • Wie geht es dir jetzt grad in deinem Körper? In deinem Leben?
  • Gibt es viele Spannungsfelder? Oder fühlst du dich vital und regeneriert?
  • Wie fließt Intelligenz durch deinen Körper jetzt grade?
  • Wie ist die Beziehung deiner Organe zueinander?
  • Wie fühlst du dich emotional? Fragmentiert oder wohlig?
  • Was ist mit deinen Beziehungen, wie geht’s dir da?
  • Hast du ein gutes, nachhaltiges Beziehungsnetzwerk? Bist du aktiver Teil davon? Gibt es viel Spannung in dem Netzwerk? Viel Lust und Kreativität?
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3  Thomas Hübls intuitiver Ansatz der Übertragung von Traumatisierungen über Generationen hinweg wird zunehmend auch von wissenschaftlicher Seite bestätigt. In der epigenetischen Forschung, also dem Fachgebiet der Biologie, welches sich mit den Faktoren befasst, die die Aktivität bestimmter Gene und somit der Entwicklung von Zellen beeinflussen, wurden 2016 erstmals die generationsübergreifenden Effekte von Trauma, in diesem Fall ausgelöst durch den Holocaust, nachgewiesen. Unter anderem waren die Stresshormonlevel der Nachkommen von Holocaust Überlebenden in der genetischen Veranlagung signifikant höher als bei den Vergleichsgruppen (Yehuda et al. 2016, siehe Quellenliste für mehr Informationen). Im Pocket-Projekt (siehe auch Quellenliste) arbeitet Thomas Hübl seit 2016 mit einem Team von u.a. Traumatherapeuten und Coaches zu kollektivem Trauma. Zuvor hatte er seit vielen Jahren vor allem im Bereich Holocaust bereits umfassend Gruppen mit einer Stärke von bis zu 1.000 Menschen begleitet und Integration unterstützt.