Handreichung "Kollektive Intelligenz und Kollaboration" (II)

5. Weiterführendes

Wie kann kollektive Führung im KlimaKultur-Wandel vor Ort durch Aufbau einer kokreativen Kultur gelingen? Wo kann jede(r) Einzelne starten? Ergänzend zu Thomas Hübls Beitrag bietet z.B. die „Theory-U“, entwickelt von Otto Scharmer, Dozent am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), ein innovatives Change-Management und Entwicklungsmodell, welches den Menschen ganzheitlich einbezieht. Hier werden also, neben kognitiven Kapazitäten des Individuums, auch affektive, „Herz-“ Kapazitäten und emotionale Kompetenzen in Entwicklungs-und Veränderungsprozesse miteinbezogen. Scharmer ist zudem Mitgründer des Presencing Institutes. Mit seinen „Innovation Labs“ (siehe Quellenhinweise) schafft es auf eine neuartige Art und Weise Möglichkeiten des Engagements für Themen rund um die Herausforderungen unserer Zeit, z.B. den Klimawandel. Getragen wird dies von kollektiver Intelligenz, die Grundlage der erwähnten Theory-U. Im Gegensatz zum gegenwärtigen, getrennten und dadurch destruktivem System des Individuums und der Gesellschaft allgemein (z.B. durch die von Hübl beschriebenen Traumatisierungen), bildet die Theory-U somit einen ganzheitlich, kokreativen Ansatz zur Ideen- und Konzeptentwicklung (siehe weiterführende Quellen und Links).

Eine weitere Vertiefungsmöglichkeit zeigt Laloux in seinem Buch „Reinventing Organizations“ (2015) auf, für viele eine absolute Grundlage einer neuen, kollektiv fundierten Organisationsentwicklung. Er beschreibt hier detailliert, wie ganzheitliche, selbstorganisierte und sinnerfüllend operierende Unternehmen aussehen könnten bzw. es, an Beispielen dargestellt, auch schon tun. Eine wachsende Anzahl von Netzwerken und Beratungsunternehmen arbeitet seit vielen Jahren sowohl theoretisch als auch praktisch zu eben dieser Thematik in der Auseinandersetzung mit Unternehmen, Vereinen und Einzelpersonen. Dass diese Art des Arbeitens trotz der positiven Beispiele von Laloux jedoch noch ganz am Anfang steht, zeigt sich an der Tatsache, wie schwierig es ist, aussagekräftige Praxisbeispiele zu finden. Ausnahmen bestätigen hier jedoch die Regel, wie z.B. das selbstorganisierte Netzwerk Leadershiphoch3 mit dem Schwerpunkt transformative Kulturprozesse in Berlin (siehe: https://www.leadershiphoch3.de/). 

Ähnlich wie Laloux in seiner Analyse, beschreibt das Netzwerk auf seiner Website, welche Charakteristika diese neue Kultur ihrer Meinung nach mitbringt/mitbringen muss: Neben einer stark ausgeprägten Selbstverantwortung des Individuums, wie sie auch von Thomas Hübl im Interview immer wieder als Kern adressiert wird, betonen sie die Bedeutung der Entwicklung einer „tiefen menschlichen Verbundenheit“, die das ganze Individuum miteinbezieht anstatt z.B. wie bisher „Privates“ und „Berufliches“ strikt zu trennen. Zudem essentiell sei die Schaffung einer „hohen kollektiven Feldbewusstheit“, welche die Stärkung des individuellen Bewusstseins für eigene Verhaltensmuster und (unnachhaltige) Gewohnheiten voraussetzt und dadurch ein „schwarmintelligentem Handeln“ erst möglich macht. Schwarmintelligentes Handeln resultiert z.B. in einer hohen gemeinsamen Innovationskraft, Wandlungsfähigkeit und Effektivität (siehe auch Informationen zu weiterführenden Links). Die Stufe, die es ermöglichen kann, eine kokreative  Kultur aufzubauen, braucht eine Art und Weise des Zusammenwirkens, in der sich mit allen Ebenen aufeinander bezogen wird und deren daraus entstehende Kreativität etwas originär Neues entstehen lässt, was ohne die Kombination der Menschen so nicht entstehen würde.

Die folgende Grafik von der Leadershiphoch3 Website verdeutlich einfach und anschaulich die Entwicklungsschritte, die das Individuum auf den verschiedenen Stufen durchläuft und macht zudem klar, dass die Auseinandersetzung mit dem individuellen „Ich“ und persönlichen Traumata und Mustern, zwingend den Anfangspunkt der Entwicklung darstellt.











Abbildung 1 Entwicklung von Ich-Präsenz zu globalem Bewusstsein (Quelle: Leadershiphoch3 intern)

Auch das ClimateCulture-Lab (CCL) richtet sich von Beginn an nach diesen Prinzipien aus. Erstens durch die Bildung transdisziplinärer Teams, also einerseits das CCL-Expertenteam, das aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen kommt, und zum anderen sowohl Theorie- als auch Praxispartner beinhaltet, die alle zusammenarbeiten und sich in den Werkstätten treffen. Zweitens arbeitet das CCL seit 2016 bundesweit, vor Ort, an geeigneten Formaten für strukturierte Dialogräume im Bereich KlimaKultur-Wandel und erprobt diese in der Praxis, um die individuellen und kollektiven Entwicklungsprozesse in Kommunen unterstützen und voranbringen zu können.

Eine weitere Frage, die sich aus der bisherigen Arbeit des CCLs und dem Interview mit Hübl ergibt, ist folgende: Wie können sich künftig Trauma-Energien, die weitere individuelle und kollektive Entwicklungsprozesse blockieren, in Dialogformaten zum KlimaKultur-Wandel, wie z.B. in KlimaKultur-Laboren (CCL) u.a. kommunalen Dialogräumen, lösen lassen?

Von Thomas Hübls Lern-Gruppen ist bekannt, dass sie in geschütztem Dialog-Settings, also mit viel Zeit in einem sicheren Raum und wohl gesonnene Menschen wie Lehrer*in, Coaches, Kolleg*innen, im Rahmen der Themen geführt indirekt mit traumatischen Arealen in Kontakt kommen und diese in Beziehung zum eigenen Körper und anderen Menschen bringen. Dies führt häufig zu positiven, teilweise direkt lösende Erfahrungen. Themen des Klimawandels sind hier auch mit vertreten. Bislang gibt es jedoch speziell im Kontext kommunaler Klimaschutz noch keine weiterführenden Erfahrungen.

Einen Ansatz, um diese Frage anzugehen, liefert Dr. Peter Levine mit dem in der Tabelle der Einflüsse genannten Somatic Experiencing (SE). Hübls Arbeit zu Themen der individuellen und kollektiven Entwicklung nachhaltigen Verhaltens basiert auf diesem körperbasierten Traumatherapieansatz, den Levine in den 1970er Jahren in den USA entwickelte und der heute international anerkannt und weit verbreitet ist. Er beruht auf der Tatsache, dass Lebewesen bei Gefahr grundsätzlich 3 angeborene Überlebensstrategien zur Verfügung stehen: Flucht, Kampf oder Erstarrung. Im Gegensatz zu Tieren wird diese in solchen Situationen mobilisierte Energie beim Menschen häufig nicht entladen, die Situation erlaubt z.B. keine Ausführung der Strategie (z.B. bei einem Autounfall oder Gewalterfahrungen in der Kindheit) und die Energie bleibt somit im Nervensystem gespeichert. Der Körper reagiert daher auch in künftigen Situationen übermäßig, wenn er durch ähnliche Situationen daran erinnert wird (z.B. fällt ein Glas zu Boden und erinnert an die splitternde Windschutzscheibe beim Autounfall vor 3 Jahren). Nach traumatischen Erfahrungen jeglicher Art können also unerklärliche psychische und körperliche Symptome entstehen. Die Kraft, die laut Levine in diesen Symptomen liegt, wird im SE als wichtige Ressource genutzt, das Trauma körperbasiert zu lösen und die Menschen somit wieder freier in ihrer Handlungsfähigkeit zu machen (siehe: https://www.somatic-experiencing.de/was-ist-somatic-experiencing/ für eine ausführliche Darstellung).

In der Auflösung dieser Blockaden sieht Begründer Levine auch einen Hebel für spirituelle Entwicklung und beschreibt auf der SE Website, dass bereits in alten mystischen Schriften Traumatas als ein „Tor zur Spiritualität“ Erwähnung finden: "Ich bin überzeugt davon, dass Trauma heilbar ist und dass der Heilungsprozess ein Katalysator für tief greifendes Erwachen sein kann – ein Türöffner für emotionale und echte spirituelle Transformation."

Neben dieser tief gehenden Traumaarbeit, die für den Bereich des KlimaKultur-Wandels wohl bisher eine absolute Neuheit darstellt und potentiell ein großes Potential zur Unterstützung des Wandels birgt, gibt es ganz praktische und sofort umsetzbare Tipps, im eigenen Alltag und sozialen Umfeld kollektive Intelligenz zu unterstützen.

Um eine emergente Gesprächskultur in Alltag und Beruf zu fördern, hier ein paar praktische Empfehlungen zur Gesprächsführung, wie sie auch in den CCL-Werkstätten sowie in der Arbeit des Leadershiphoch3 Netzwerks Anwendung finden:

Bitte,

  • Sei mehr an dem interessiert, was du noch nicht weißt, als an dem was du schon weißt.
  • Beziehe dich auf das von deinem/deiner Vorredner*in Gesagte.
  • Sprich nur das Nötigste, prüfe deine Intention bevor du sprichst.
  • Sei aufmerksam auf deinen Körper, deine Gefühle, deine Gedanken und deine Eingebungen.
  • Höre aufmerksam zu, nicht nur des Antwortens wegen, sei beteiligt mit und ohne Worte.
  • Bei Sachthemen, sei weder zu persönlich noch zu unpersönlich und mehr an dem interessiert was im Raum zwischen euch geschieht.
  • Erkenne den Wert von Stille und Schweigen an.


Weiterhin kann kollektive Intelligenz in Gruppen durch folgende Punkte gefördert werden:

  • Der/die Einzelne folgt seiner/ihrer tiefst möglichen Wahrhaftigkeit und lebt sein/ihr Potential.
  • Entscheidungen werden da getroffen, wo die höchste situative Kompetenz ist
  • Einzelnen Intelligenzen verbinden sich zu einem Größeren und ein angebundenes, emergentes Handeln entsteht
  • Geeignete Methoden und Strukturen unterstützen den Prozess und dies Kulturentwicklung (z.B. Bearbeitung kollektiver Traumata).