Handreichung Video-Session 7 "Alternativen zur Alternativlosigkeit" - Transition Town

4. Zusammenfassung des Interviews - Teil 2

Praktisches Engagement und innerer Wandel

Die nächste Frage im Interview wird noch praktischer: Wo und wie kann ich mich weitergehend informieren, wenn ich interessiert bin und eine Initiative gründen möchte?
Zunächst hier allgemeine Informationen zum Einstieg. Diese gibt es:

a) auf der Transition Website
b) im Transition-Handbuch oder -Leitfaden 
c) bei einem Workshop für private Gruppen, zu dem ein Trainer eingeladen wird
d) beim persönlichen Besuch eines Workshop oder Trainings (http://transition-training.de/).

Die Workshops beleuchten in Form einer kleinen mentalen Reise den Status quo unseres Planeten sowie verschiedene Lösungsansätze. Im Mittelpunkt steht jedoch die Frage: Was ist mein Platz in diesem Moment der Entwicklung, was sind meine Fähigkeiten und wie kann ich diese einbringen?
Maschkowski sagt dazu: „Egal ob im Kontext meines Unternehmens, meiner Kommune oder in einem wissenschaftlichen Betrieb: Wenn ich was verändern will, brauche ich Kraft, Zeit und gute Werkzeuge!“ Auf allen gesellschaftlichen Ebenen, in jedem Stadtteil und in jeder Nachbarschaft seien viele kleine Initiativen nötig, die Netzwerke bauten und gemeinsame Visionen schafften. Eigentlich seien Transition-Initiativen mindestens genauso wichtig wie die Feuerwehr. Die Erde brenne und wir bräuchten überall Menschen, die als fester Bestandteil des Systems Veränderungen möglich machen. In den Transition-Initiativen könnten alle ihre Kompetenzen und Fähigkeiten voll einbringen, fährt Maschkowski fort. Und „jede*r wird gebraucht“. Es gäbe für jede und jeden einen Platz. Dem CCL-Team fallen als Beispiele hierfür das Projekt Saatguttütchen oder die Teilnahme an einem Gemeinschaftsgarten ein. Bei all diesen Initiativen können sich persönlichen Stärken entfalten, vom Organisationstalent über die grüne Hand beim Gärtnern bis hin zum kreativen Geist beim Marketing.

Wichtig ist aber auch, dass eine Transformation, wie wir und unser Planet sie heute benötigen, mehr als nur nebenberufliches Engagement ohne finanziellen Ausgleich erfordert. Fördergelder, zeitliche Kapazitäten und Prozessbegleitung, damit sich engagierte Menschen voll und ganz dem Thema widmen können, sind essentiell.

Bei der Frage nach der inneren Haltung, also Selbstreflexion und Auseinandersetzung mit eigenen Werten, betont Maschkowski die Bedeutung von Transition als Veränderungsprozess. „Keiner ist heilig“ sagt sie. Wir seien alle im Prozess und müssen uns gegenseitig unterstützen, diesen Wandel erfolgreich zu managen. Thomas Köhler ergänzt, dass Interessierte sich jedoch nicht in der Verpflichtung sehen sollten, ihre innere Transformation (Inner Transition) mit Beginn des Transition-Engagements im Außen voranzubringen, „Meditation ist bei uns keine Pflicht“. Köhler findet es im Gegenteil wichtig, auch mit Leuten zu arbeiten, die „noch in den Urlaub fliegen und SUV fahren“, da diese „normalen“ Bürger ja weiterhin die überwiegende Mehrheit in Deutschland seien und normalerweise der Kontakt zu dieser Bevölkerungsgruppe spärlich bliebe. Dieser Kontakt solle nicht verbaut werden, in dem ein innerer Wandelprozess als Voraussetzung zum Engagement dargestellt werde, so Thomas Köhler.


Transition in Hannover und eine besonders wichtige Lernerfahrung von dort

In Hannover gäbe es in verschiedenen Stadtteilen sehr unterschiedliche Projekte, die er betreue, mit originellen Ansätzen, die gerade erst im Entstehen begriffen seien, so Köhler weiter. Dieser systematische und methodenvielfältige „Nachbarschaftsansatz“ sei vielversprechend und in dem Ausmaß neu. Köhler ist gespannt, welcher der verschiedenen Ansätze sich als am hilfreichsten erweisen werde, um einen Alltag mit messbar weniger Ressourcenverbrauch, vor allem weniger CO2- Emissionen zu etablieren. Die Verschönerung des Stadtteils sei ein ebenso relevantes Ziel der laufenden Nachbarschaftsinitiativen und er sehe diese beiden Ziele als perfekte Kombination.

Andrea Steckert ist an dieser Stelle interessiert an der Verteilung der Altersgruppen in den Initiativen, Köhler verweist in seiner Antwort auf eine manchmal auch chaotische Vielfalt. Am Interview Drehort Hannover Linden z.B. seien vor allem Studierende involviert, da viele von Ihnen dort lebten. Projekte mit Studierenden würden erfahrungsgemäß gut laufen. In einem anderen Stadtteil seien vor allem ältere Menschen, viele schon Rentner, sowie einige Familien beteiligt, also ein ganz anderes Milieu, und dies führte auch zu sehr unterschiedlichen Projekten. Kommunikation und Zielsetzung seien geprägt vom entsprechenden Milieu und es gäbe auch immer mehr Mischformen, wie etwa die sogenannten „Hipstergärten“, betreut von den Studierenden, und die Projekte der älteren Generationen. Köhler ist begeistert von der Diversität und davon, dass alle Projekte parallel laufen und sich gut entwickeln.

Die nächste Frage richtet sich erneut an Thomas Köhler und seine wichtigsten Lernerfahrungen in den 10 Jahren Transition Arbeit, die hinter ihm liegen.  Köhler erinnert sich daran, wie sehr ihm anfangs seine geringe Kenntnis der Verwaltungsvorgänge in Hannover sowie sein Nicht-Wissen über bereits bestehende Initiativen weitergeholfen hat. Dies resultierte von seiner Seite aus in einer Überschreitung vieler Grenzen, die er einfach nicht kannte mit dem Resultat einer erhöhten Wirksamkeit. Er empfiehlt eine Mischung aus Menschen, die grundnaiv und engagiert an das Thema herangingen sowie Experten, die die abgesteckten Claims, die bereits bestehende Initiativen und die dahinterstehenden Menschen sehr gut kennen. Gegenseitige Wertschätzung und Unterstützung der verschiedenen Untergruppen sei ebenfalls eine Schlüsselzutat für erfolgreiche Initiativen, meint Köhler abschließend.


Einmal tief durchatmen: Transition und der Transition-Leitfaden als Einladung zur Mitgestaltung einer neuen Kultur

Gesa Maschkowski stellt im nächsten Schritt den Transition Leitfaden vor, der von vielen Initiativen weltweit angereichert wurde und gute Erfahrungen und Methoden zusammenfasst. Der Leitfaden gibt Antworten auf Fragen wie:

•    Wie starte ich eine Gruppe?
•    Wie gestalte ich eine gute Teamsitzung?
•    Welche praktischen Projekte gibt es?
•    Wie baue ich ein gutes Netzwerk auf?
•    Wie mache ich einen Visionsevent?

Er ist kostenfrei online erhältlich, auf der Transition Website zu finden und enthält Beispiele und Praxen aus der ganzen Welt, z.B. auch aus Projekten aus Brasilien. Maschkowski war an der deutschen Übersetzung (aus dem englischen) und der Aktualisierung beteiligt. Der Leitfaden soll vor allem auch deutlich machen, dass die einzelnen Initiativen Teil eines weltweiten Netzwerkes sind. Er enthält zudem ein Analyseinstrument, den sogenannten „Gesundheitscheck“. Damit können Initiativen herausfinden, wie es um sie steht. Das Buch öffnet eine Tür in eine Welt von neuen Möglichkeiten, anders miteinander und mit der Erde umzugehen, meint Maschkowski.

Als ein Beispiel nennt sie die solidarische Landwirtschaft (SoLaWi), eines ihrer ersten Projekte. Die Initiative entstand auf einem Visionsevent von Bonn im Wandel im Jahr 2012. An dem Projekt, das zwei Menschen ins Leben gerufen haben, sind nun über 400 beteiligt. Mittlerweile gibt es 5 weitere SoLaWis, die inspiriert durch das Projekt ebenfalls in der Region gegründet wurden. Nach Maschkowskis Meinung zeige der Leitfaden auch Wege und Möglichkeiten auf, wie Menschen anders miteinander umgehen können. Bonn im Wandel arbeite zum Beispiel am Aufbau einer soziokratischen Organisation, die nicht nach dem Hierarchie- sondern nach dem Kreisprinzip funktionierten. Hierzu müsse beispielsweise geklärt werden, welcher Kreis welche Entscheidungen treffen könne. Jede*r hat dabei das gleiche Recht zu sprechen und sich einzubringen.

Maschkowski findet, die Transition Initiativen seien eine Einladung, eine Kultur mitzugestalten, in der wir lernten, nicht nur mit der Erde, sondern auch mit uns Menschen anders und besser umzugehen. Auf Steckerts Nachfrage berichtet Maschkowski, sie sei seit 2012 bei Transition aktiv. Damals habe sie mit ihrer Familie einen Workshop besucht, der sie überzeugte, sich zu engagieren. Ihre Lernerfahrung oder Tipp für Interessierte sei die beständige Neu-Erinnerung an den Zustand der Welt. Dies sei eine Daueraufgabe, da wir dies so schnell vergäßen. Für Aktivist*innen sei es außerdem notwendig, nicht in Panik zu geraten angesichts der gefühlten Ohnmacht beim Anblick des Zustands der Welt. Sie macht diesen Punkt an einem selbst gefertigten Armband deutlich. In dieses habe sie „einfach atmen“ hineingestickt, neben einem Symbol für den Zustand des Planeten.

In seinen abschließenden Worten reagiert Thomas Köhler zunächst auf Maschkowskis Lernerfahrung. Seiner bzw. Greta Thunbergs Meinung nach sei es durchaus wichtig, dass die Leute in Panik gerieten, da die meisten Menschen weiterhin zu bequem und selbstzufrieden vor sich hin lebten. Ihn selbst brachte seine extreme Ungeduld und eine steigende Grundpanik ob der Tatsache, dass sich nichts an den verheerenden Entwicklungen änderte, zur Transition Bewegung. Vor allem die aktivistischen Initiativen in der Stadt hält er für wichtig, um die bisher panikfreien Menschen zu erreichen und auch ihnen bewusst zu machen, dass uns die Zeit davonlaufe bzw. schon abgelaufen sei. Er betont trotzdem auch die Wichtigkeit, zwischendurch immer wieder zu Atem zu kommen und sich zu beruhigen. Gesa Maschkowski fügt hinzu, dass diese beiden Pole kein Widerspruch seien und sich im Gegenteil befruchten können. Individuelle Achtsamkeit, Selbstfürsorge und tiefes Durchatmen stärkten die Ressourcen, z.B. bei Transition oder anderweitig aktiv zu werden.

Zum Schluss leitet Andrea Steckert eine Reflexion für die Zuschauer mit folgenden Leitfragen an:

  • Was hat mich in dem Gehörten besonders bewegt?
  • Was ist mir sehr wichtig?
  • Welche nächsten Schritte kann ich in die Richtung tun, die mich hier so angesprochen hat?