Handreichung Video-Session 8 "Ästhetik des Wandels"

1. Einführung

Hintergrundinformationen

Das ClimateCulture-Lab (CCL) ist ein im Rahmen der nationalen Klimaschutzinitiative (NKI) gefördertes Projekt. Ziel ist Stärkung des Klimakultur-Wandels hin zu einer „CO2-neutralen Gesellschaft“. Wenn Deutschland bis 2050 nahezu CO2-neutral werden soll, braucht es eine umfassende gesellschaftliche Transformation, welche die gesamte Art und Weise, wie wir leben, arbeiten und konsumieren genauso betrifft wie die Art und Weise, in der wir die Welt und uns selbst darin erleben. Daher sprechen wir im CCL vom KlimaKultur-Wandel, denn es geht um einen klimafreundlichen kulturellen Wandel im Äußeren und im Inneren. Es ist ganz klar, allein kann dies niemand schaffen! Nur wenn möglichst viele Menschen gemeinsam zum Wandel beitragen, kann es gelingen.

Doch wie kann enkelfreundliches Handeln die neue Normalität werden bzw. wie können wir gemeinsam Teil der Lösung werden, anstatt durch gewohnte klima-unfreundliche Routinen die Probleme weiterhin zu verschärfen? Wie schaffen wir es, dass klimafreundliche Wertmaßstäbe zur Grundlage von Denken, Fühlen und Handeln möglichst vieler Menschen werden und damit zum selbstverständlichen Ausgangspunkt vernünftigen Verhaltens?

In Videosession 5 & 6 wurde das für den gemeinsamen Kulturwandel wichtige Thema der kollektiven Intelligenz und Kollaboration aufgegriffen und weiter vertieft, und in der 7. Session ging es dann um die praktische Umsetzung dieser Konzepte, beispielhaft dargestellt im Rahmen der Transition-Bewegung. In der letzten, der 8. Videosession, sprachen wir nun mit Shelley Sacks, interdisziplinäre Künstlerin und Pionierin im Bereich soziale Plastik nach Joseph Beuys sowie emeritierte Professorin der Oxford Brookes Universität in England zum Thema Kunst und Klimaschutz. Wir wollten wissen: „Wie kann uns ein künstlerischer Blick anregen, die Ästhetik des Wandels zu erkennen und was hat Sinnlichkeit mit Transformation zu tun?“ Diesen und weiteren Fragen gehen wir in diesem Hintergrundpapier auf den Grund.


Gesprächspartnerin

Shelley Sacks wurde 1950 im Südafrika der Apartheid geboren. Bereits als Kind stellte sie sich – und ihrer Mutter – wiederholt Fragen wie die, warum die Angestellten des Haushaltes nicht wie die Sacks Familie von Porzellan Tellern im Speisezimmer, sondern von Blechgeschirr in der Küche die Reste der Familie aß, obwohl Shelley den Großteil des Tages in der liebevollen Obhut der schwarzen Angestellten verbrachte. Die resignierte Antwort ihrer Mutter war: „so sind die Dinge nun mal“. Dieser Satz wurde zu einer motivierenden Kraft und führte zu Shelley Sacks lebenslanger Determination, Vorurteile und Möglichkeiten diese zu verändern zu erforschen. Immer mit der zugrundeliegenden Fragestellung: Wie können wir unsere Art zu denken verändern und entwickeln?

Nach einem frühen Kunststudium im Alter von 16 Jahren, der parallelen Entwicklung einer Mediationspraxis und des politischen Engagements trug einer ihrer Lehrer dazu bei, dass Joseph Beuys Bilder ihrer Arbeit zu sehen bekam. Dieser war derartig angetan, dass er Shelley fragte, ob sie seine Schülerin in Deutschland werden wollte. Shelley, zu dem Zeitpunkt desillusioniert über den geringen Einfluss von Kunst auf politisch relevante Themen wie sozialer Ungerechtigkeit, folgte dem Angebot und tauchte in das Konzept der sozialen Plastik Beuys1 ein. Sie arbeitete über ein Jahrzehnt mit Beuys im Kontext seiner „Free International University“ („Freie internationalen Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung“) und weitere zwei Jahrzehnte mit den Ideen der sozialen Plastik in vielen Ländern und unterschiedlichen Kontexten. 1997 nam sie eine Professur für interdisziplinäre Kunst und Soziale Plastik an der Oxford Brookes University, und gründet die „Social Sculpture Research Unit“ (SSRU, siehe: https://www.social-sculpture.org/). Obwohl sie heute emeritiert ist, arbeitet sie weiterhin mit einige Doktoranden und in bestimmten Forschungsprojekten. Weiterhin führt sie sogenannte „Social Sculpture Academy - Hubs“  in verschiedenen Ländern durch, um die Methodik der sozialen Plastik des von ihr mitentwickelten Masterprogramms in die Welt zu tragen (siehe: https://universityofthetrees.org/news/2019/social-sculpture-academy).

Ihre vielfältigen Projekte und Engagements während ihrer Auseinandersetzung mit der sozialen Plastik nach Joseph Beuys (siehe nächstes Kapitel) umspannen zum einen künstlerische Projekte. Beiträge zu Graswurzel-Initiativen und politischen Organisationen wie z.B. die „Bildung für Demokratie“ sowie Arbeit an Prozessen wie etwa an der Bürger Initiative „Ort des Treffens“ in Hannover (2009-2010) machen einen weiteren Schwerpunkt ihres Wirkens aus.

Von besonderer Bedeutung ist das Erdforum mit seinem vier-stufigen Prozess, mit dessen Entwicklung sie anlässlich des Nachhaltigkeitsgipfels in Johannesburg im Sommer 2002 begann und über das sie auch im CCL-Interview spricht. Im Fokus ihrer Arbeit stehen dabei immer der Zusammenhang zwischen Imagination und individueller sowie gesellschaftlicher Transformation sowie ein erweiterter Ästhetikbegriff in Fortführung der Inspirationen von Joseph Beuys. Weitere wichtige Einflüsse ihres Denkens sind Goethe, Schiller, Rudolph Steiner, Rabindranath Tagore, Joanna Macy, Ivan Illich, Hannah Arendt, um nur einige zu nennen.

Die integrative Spannweite ihrer Arbeit scheint übrigens auch im CCL-Kontext auf: 2015 nahm ihre Schülerin Antonia von Fürstenberg am 9. Symposium für Salutogenese2 in Heckenbeck teil und offerierte einen Workshop auf Grundlage des „Earth Forums unter dem Titel: „Eine Annäherung über „Imagination, Intuition und Inspiration“. Salutogenese war Focus in der CCL-Video-Session 2.



1 - Siehe weiterführende Quellen
2 - https://www.dachverband-salutogenese.de/cms/fileadmin/user_upload/Mensch50/12_Praxis_Fu_rstenberg_DM_50-51.pdf