Handreichung Video-Session 8 "Ästhetik des Wandels"

2. Ästhetik des Wandels - Kunst und Klimaschutz

„Ich dachte lange, die größten Umweltprobleme wären der Verlust der Artenvielfalt, der Kollaps von Ökosystemen und der Klimawandel. Ich dachte mit 30 Jahren guter Forschung könnten wir diese Probleme lösen. Aber ich lag falsch. Die größten Umweltprobleme sind Egoismus, Gier und Apathie…Und um mit diesen Problemen umgehen zu können, brauchen wir eine spirituelle und kulturelle Transformation – wir Wissenschaftler wissen jedoch nicht, wie das geht.“  - James Gustave Speth (eigene Übersetzung)

„Wenn es um die Kunst geht, muss man sich auf einen Begriff beziehen, der die gesamte kreative Tätigkeit des Menschen umfasst, der sich nicht nur mit dem Kunstbegriff im engeren Sinne begnügt. (…) Dieser neue Begriff ist die letzte Möglichkeit, die dem Menschen offensteht, um seine geistigen Fähigkeiten zu entwickeln und in der Folge auch die Qualität seiner eigenen Produkte zu verbessern.“1


Das CCL hat in seinen vorangegangenen Video-Sessions bereits verschiedene Perspektiven geschildert, wie Hemmnisse auf dem Weg zu einer klimafreundlicheren Alltagskultur und nachhaltigen Entwicklung überwunden werden können. Dabei wurde auch deutlich, dass es sich hier um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe handelt. Eine Transformation ist notwendig, bei der individuelle und kollektive Verhaltensweisen auf den Prüfstand stehen - vor dem Hintergrund eines generellen Verständnisses der komplexen Thematik und mit den Kenntnissen tatsächlicher Handlungsoptionen. In dieser Video-Session zeigen wir, wie visionäre und vor allem gesellschaftliche Teilbereiche übergreifende Potentiale von Kunst und Kreativität einen wichtigen Beitrag leisten können.


Seit das Thema Klimawandel und Umweltzerstörung einen immer prominenteren Platz im gesellschaftlichen Diskurs erobert haben, nimmt auch der engagierte Teil der Kunstwelt dazu Stellung. Ein Beispiel hierfür ist etwa die von Carolyn Christov-Bakargiev geleitete Documenta 13 in Kassel aus dem Jahr 2012 unter dem Leitmotiv „Collapse and Recovery“ mit vielen künstlerische Positionen rundum die Umweltthematik samt ihrer sozialen Folgen. Im Inspirationsglossar der CCL-Plattform unter dem Buchstaben „P“ ist ein Beispiel zu finden: Amy Balkins Arbeit „Public Smog“. Künstlerische Annäherungen an den Klimawandel findet man auch, so ein weiteres Beispiel, in dem kurz vor der entscheidenden Klimaschutzkonferenz COP21 in Paris 2015 erschienenen, vom Goethe-Institut veranlassten Buch „Klima Kunst Kultur“. Die Autoren Ebert und Zell haben damit einen bildgewaltigen Sammelband gestaltet, der in Essays und Interviews aus kulturgeschichtlicher, ethnologischer und soziologischer Sicht der Frage nachgeht, wie eine klimaförderliche Kultur aussehen könnte. Zudem werden künstlerischen Projekte zum Thema Klimakatastrophen und dem Menschen als Verursacher dargestellt und dokumentiert.


Wenn wir uns mit diesen und anderen schöpferischen Arbeiten auseinandersetzen, erfahren wir die bekannte Wirkung von Kunst: sie zeigt und informiert, sie löst Betroffenheit und Bewunderung aus und gibt Handlungsimpulse ohne zwingend zu erscheinen. Vor allem aktiviert sie unsere Herzen, unsere Berührbarkeit. Mit einem höheren Freiheitsgrad als die Wissenschaft kann Kunst Lösungsszenarien erkunden und kreativ gestalten, sie adressiert ganz ohne Reglements den ganzen Menschen und nicht nur die kognitive Auffassungsfähigkeit. Während die Wissenschaft zwar Phänomene wie klimatische Veränderungen oder die Auswirkungen unseres Überkonsums auf die Umwelt analysieren und darauf aufbauend Prognosen und Handlungsempfehlungen formulieren kann, gelingt es der Kunst, alle Sinne des Menschen mit einzubeziehen. Generell kann eine künstlerische Auseinandersetzung Visionen eines zukunftsfähigen Lebens zeichnen, in einem Prozess, der über die reine Faktenvermittlung hinaus einen kreativen Entwicklungsraum eröffnet, in dem nachhaltige Entwicklung als etwas Gestaltbares erfahren werden kann.


Aber treten wir noch einmal einen Schritt zurück. Wenn von Kunst die Rede ist, denken viele Menschen an Gemälde und Skulpturen, vielleicht auch an Theater und Musik, manchmal sogar an Video-Installationen und Performances. All diesen Genres ist gemeinsam, dass sie einem Kunstverständnis im mehr oder weniger klassischen Sinn entsprechen: hier das Kunstangebot, da der Kunstgenuss. Dabei reicht die Interaktion mit den Arbeiten vom Staunen über das schöne und/oder schreckliche Bild bis hin zu Beteiligung an interaktiven Installationen, die z.B. ganz sinnlich das Abschmelzen der Gletscher spürbar machen. Die Werke eröffnen sozusagen einen neuen Raum und laden die Rezipienten ein, diesen zu erkunden und sich davon inspirieren zu lassen. Vom Denken ins Handeln kommen bedeutet bei dieser bekannten Wirkung von Kunst, dass der intensiv eindrückliche, künstlerische Impuls Handlungsveränderungen nach sich zieht.


Dass kreativer Ausdruck aber noch viel mehr sein und ganz anders und viel weiter wirken kann, nämlich eher (als) eine (Über-)Lebenskompetenz, das lässt sich an Hand des berühmten Zitats von Joseph Beuys „Jeder Mensch ist ein Künstler“ zeigen. Was meinte Beuys mit seinem geflügelten Wort, das so oft falsch verstanden wird? Sicherlich nicht, dass jeder beliebige Pinselstrich jedes beliebigen Menschen kreativen Wert hat. Stattdessen macht diese Aussage nur Sinn, wenn man sie im Kontext von Beuys Idee von der sozialen Plastik diskutiert.

Soziale Plastik oder –Skulptur wiederum ist ein Konzept, ein kunsttheoretischer Begriff, den man am besten vom Material her verstehen kann. Die „klassische“ Plastik/Skulptur ist aus festem Material: Stein, Holz, Eisen, PVC etc. Damit kann man Strukturen modellieren, die den realen Raum thematisieren, auf ihn einwirken, ihn mit allen Sinnen erfahrbar machen und ihn modifizieren. Was aber – und jetzt kommt ein großer Gedankensprung - wenn nicht der reale, sondern der soziale Raum Gegenstand der künstlerischen Betätigung und Veränderung werden soll? Aus welchem Material ist der soziale Raum geschaffen? Antwort: Aus den in Sprache und Handlung gegossenen Gedanken und Gefühlen der Menschen. Daraus kann eine soziale Plastik geformt werden. Oder, um es mit Shelley Sacks und Wolfgang Zumdick zu sagen: „Wenn wir mit unserem Denken und Imaginieren arbeiten, sind wir im Terrain der Sozialen Plastik.“2  Bei einer sozialen Plastik geht es demnach um die aktive kreative Gestaltung des „sozialen Organismus“, wie Beuys es nannte. Dies war 1967 ein unerhörter Gedanke, denn sein dergestalt um das kreative Denken und Handeln des Menschen „erweiterter Kunstbegriff“  hebt die Grenzen zwischen Kunstangebot und Kunstgenuss radikal auf. An die Stelle der Trennung tritt eine transformatorische Arbeit, an der sich jeder Mensch kreativ beteiligen kann und so selbst zum Schöpfer und Geschöpften der Gesellschaft um ihn herum wird.

Damit einher gehen Freiheit und Verantwortung: Mitverantwortung für die gesamte Gesellschaft und Freiheit, die eigene Spiritualität, Offenheit, Kreativität und Phantasie individuell zu entfalten. Kreativität in diesem erweiterten Kunstverständnis bedeutet demnach in einer aktiven Auseinandersetzung mit den Lebenswirklichkeiten um uns herum an der Entwicklung der eigenen Fähigkeit zu bildhaftem Wahrnehmen, Denken und Reflektieren zu arbeiten

Es geht also um die Realisierung, dass wir die Künstler oder Gestalter unseres eigenen Lebens sind - eine verstärkte Auseinandersetzung mit unseren inneren Fähigkeiten wie etwa dem bildhaften Denken unterstützt uns, auch in der äußeren Welt gestaltend tätig oder wirksam zu werden. Wichtig ist dabei der bewusste Beitrag zum sozialen Organismus aus innerer Notwendigkeit heraus – wenn es um Klimawandel geht, bedeutet dies, die je passende eigene Form für wirksame Handlungen und Aktionen im Sinne einer enkeltauglichen Zukunft zu finden.


Die Beuys-Schülerin Shelley Sacks, unsere Interviewpartnerin, sagt es so: „Wenn du nicht von Anfang an in Dialog und Verbindung mit deinen eigenen Fragen und Themen kommst, wirst du kaum die Libido finden, die es braucht, um sich ausdauernd und wirkungsvoll einer Sache zu widmen.“3  Gleichzeitig ist der Mensch zur Kreativität herausgefordert. In einem Kapitel des neuen Buches „Personal Sustainability: Exploring the Far Side of Sustainable Development"4  verweist Shelley Sacks auf ein besonderes Charakteristikum von uns Menschen, das uns von allem anderen Lebendigen unterscheidet: Ihrer Meinung nach ist der Mensch das einzige Geschöpf auf dem Planeten, welches sich nicht nach einem vorab festgelegten Plan entwickelt. Alle anderen Lebewesen entfalten sich je nach ihrer Art: Ein Baum ist ein Baum ohne sich dafür bewusst anstrengen zu müssen oder zu üben! Ebenso eine Katze, ein Eichhörnchen oder eine Rose. Wir jedoch müssen erst mühsam lernen, nicht nur wie man spricht, sondern vor allem auch, Mitgefühl zu entwickeln für Lebewesen und den Planeten außerhalb unseres unmittelbaren Umfeldes. Wir sind zudem die einzige Spezies, die Erfindungen macht, die den Planeten verwüsten können - bzw. es bereits tun. Und das gilt es zu verhindern. Weil: Die Menschheit aufgeben – nach dem Motto „der Planet ist ohne uns besser dran“, das ist kein Weg. Individueller Rückzug oder Distanzierung vom zerstörerischen Potenzial des Menschen und dem Zustand des Planeten ist auch keine Alternative ebenso wenig wie der bekannte Wunschtraum, künstliche Intelligenz könne irgendwie alles wieder geradebiegen. Aber uns steht die Perspektive der sozialen Plastik offen, denn wir sind als Menschen auch mit großer Schöpferkraft ausgestattet. Diese impliziert, dass wir die innere Entwicklung des Menschen in den Vordergrund stellen und die Tatsache anerkennen, dass wir die Kompetenzen zu einem erfolgreichen KlimaKultur-Wandel lernen, üben und gemeinsam im innen und außen erforschen müssen. Eine zukunftsfähige Welt basiert Shelley Sacks zufolge demnach auf einer größeren Verbindung, einem Verbund der Menschen mit sich, anderen und dem Rest der Welt. In ihrer Arbeit, die sie im Interview noch näher beschreibt, entwickelt und erprobt sie Methoden, diese Verbindung durch kreative Praxen zu fördern und somit Joseph Beuys ursprüngliche Ideen und Konzepte weiter zu entwickeln und vor allem praktisch umzusetzen.



1 - http://wolfgang-zumdick.de/wp-content/uploads/2017/03/evolve11_Shelley-Sacks_Wolfgang-Zumdick.pdf
2 - Für eine ausführlichere Darstellung siehe hier: http://www.utopiatoolbox.org/site/uploads/2017/06/Jeder_Mensch_ein_Kuentstler_d.pdf
3 - https://oya-online.de/article/read/446-Soziale_Plastik_heute.html
4 - siehe Parodi & Tamm, 2018.