Handreichung Video-Session 8 "Ästhetik des Wandels"

3. Zusammenfassung des Interviews

3.1. Ästhetik jenseits der Kunst und Förderung des individuellen Vorstellungsvermögens

Shelley Sacks sieht den Kern ihrer Arbeit in der Erforschung der Zusammenhänge zwischen dem Vorstellungsvermögen des Menschen und (seiner) Transformation. Ästhetik1 begreift sie als Gegenteil von An-ästhesie2 oder Dumpfheit. Somit ist in ihrem Sinne alles, was Verbindung schafft und alles, was das persönliche Verstehen belebt oder generelle Lebendigkeit fördert, ästhetisch. Ein so erweiterter Begriff bringt die Ästhetik aus der engen Begrenzung der Kunst in relevante Bereiche der breiteren Gesellschaft, z.B. den des Klimaschutzes. Für sie ist dieser Prozess ein Teil der Kultivierung von „Zukunftsfähigkeit“ mit künstlerischen Imaginations-Praktiken. Ein weiterer Kernaspekt ihres Wirkens speist sich laut Sacks aus ihrer veränderten Interpretation des Begriffs der Verantwortlichkeit – im Englischen responsibility. Die Teilung des Wortes in response- und ability, also die Fähigkeit, zu reagieren oder zu antworten - „ability-to-respond“3 - birgt ihrer Meinung nach enormes Potential, Menschen zu ermächtigen. Indem Verantwortung weniger als Pflicht, denn als Menschen angelegte Kapazität, sich zu beziehen verstanden wird, kann Sacks Meinung nach eine innere - und somit nachhaltigere als die extern initiierte - Mobilisierung individueller Motivation angeregt werden.


Förderung des individuellen Vorstellungsvermögens

In ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit Joseph Beuys, Begründer der „sozialen Plastik“, wurde sie auch durch seinen berühmten Ausspruch „Jeder Mensch ein Künstler“ inspiriert. In ihrer weiterführenden Arbeit möchte sie diese programmatische Bestimmung als Erkenntnis in praktische Methoden umsetzen, um in Menschen ein Bewusstsein für die ihnen innewohnende Kapazität zu schaffen, individuelle Denk-und Handlungsweisen zu verändern. Sie erweitert zu diesem Zweck Beuys Definition der sogenannten „unsichtbaren Materialien“, die - jenseits von Pinsel, Farbe usw. - in der sozialen Plastik zum Einsatz kommen . Über die ursprünglich von Beuys definierten Materialien des Sprechens, Denkens, Diskutieren hinaus führte sie individuelle Werte, Haltungen und Denkgewohnheiten neu in diese unsichtbare Materialsammlung ein.
Besonders betont sie auch die Bedeutung der verkörperten Erfahrung der eigenen Veränderungsfähigkeit. Dies sei deutlich zu unterscheiden von rein kognitiv vermittelten neuen Gedanken oder nachhaltigeren Handlungsweisen. In diesem kreativen Prozess, durch den sie und andere in ihrer Arbeit hindurchleiten, stellt sich immer wieder die Frage, wie die initiierte gemeinsame Imaginationsfähigkeit Veränderung bei uns als Individuen, aber eben auch kollektiv, gesamtgesellschaftlich angestoßen können.


1 - Ästhetik (von altgriechisch αἴσθησις aísthēsis „Wahrnehmung“, „Empfindung“) bedeutet wörtlich: Lehre von der Wahrnehmung bzw. vom sinnlichen Anschauen.
2 - Anästhesie oder griechisch Anaistēsia ist vom Ursprung her eine Wortkombination. An heißt ohne und aisthēsis heißt s.o. „Wahrnehmung“, „Empfindung“. Nähere Details dazu in Shelley Sacks Buch “die rote Blume” (2013, S.19) und Shelley Sacks in Kettel (2016).
3 - Sacks, 2013, S. 19.