Handreichung Video-Session 8 "Ästhetik des Wandels"

3. Zusammenfassung des Interviews

3.2. Universität der Bäume

Nachdem Shelley Sacks lange im Rahmen der „Freien Internationalen Universität [FIU]“, einer von Beuys und Anderen 1973 gegründete Hochschule für Kreativität und Forschung1  tätig war, entstand 2006 unter ihrer Leitung die Universität der Bäume („University of the Trees: Lab for New Knowledge and an Eco-Social Future“). Gedacht als praktische Umsetzung und Weiterentwicklung der Ideen der FIU dient sie als Labor für neues Wissen und eine öko-soziale Zukunft. Die Universität der Bäume ist mobil, also ohne festen nationalen Standort und bietet laut Shelley Sacks einen Rahmen für transdisziplinäre, alternative Ansätze und globalen Austausch zum Thema verbundenes Denken und Handeln. Verschiedene Methoden zur Arbeit mit den beschriebenen unsichtbaren Materialien werden hier erforscht und vermittelt. In sogenannten Erkundungslaboratorien werden unterschiedliche Praxen entwickelt, angewendet, sowie international ausprobiert und in verschiedenen Kontexten weiterentwickelt (Siehe Übersicht in Abbildung 1).

complete_nonsenseDie Idee zum Namen kam Shelley Sacks, nachdem sie vor 19 Jahren für ein Baumpflanzungsprojekt nach Irland geladen worden war. 7.000 Eichen sollten zu Ehren Joseph Beuys gepflanzt werden und Shelley Sacks wurde gebeten, ihre Methode „Landebahnen für Seelen“, die sie laut eigener Aussage im Traum von ihrem Lehrer Beuys empfangen hat, mit dem Team durchzuführen. Somit sollten neben den neuen Bäumen auch neue Gedanken gepflanzt werden. Dies inspirierte sie zur Universität der Bäume.  Shelley Sacks wollte einen Ort schaffen, in dem Bäume als Partner der Menschen gesehen werden, als Ankerpunkte, mit ihrer Immobilität als ständiges Mahnmal für die Menschen, nicht wegzuschauen vom Zustand der Welt, auch in schwierigen Phasen. Darüber hinaus machen Bäume mit ihrer Art sich ganz natürlich zu entfalten – indem sie „einfach“ Bäume sind, uns als Menschen immer wieder darauf aufmerksam, dass wir die einzigen Lebewesen sind, die sich eben nicht nach einem vorbestimmten Entwicklungsplan in unser volles Potential entwickeln. Shelley Sacks beschäftigt sich in ihrer Arbeit konstant mit der Frage, wie wir dies ändern können, so dass wir in Balance kommen mit dem Rest der Welt und den Planeten nicht weiter so belasten wie bisher. Ein Format der Universität, das „Erdforum“, wird national und international seit über einem Jahrzehnt von Shelley und nun auch vielen andere ausgebildeten Multiplikatoren, durchgeführt.

Andrea Steckert fragt daraufhin konkreter nach Möglichkeiten für Interessierte, mit der Universität der Bäume und dem Erdforum arbeiten zu können. Es gäbe ein Trainingsprogramm an der Universität der Bäume, für Menschen, die mit dem soziale Skulptur Ansatz arbeiten wollen und eigene „Mikrolabore“ in ihrem Umfeld errichten, so Shelley Sacks. Aber der erste Schritt sei in jedem Fall die eigene Teilnahme an einer der spezifischen Methodiken selbst, also einem Erdforum oder dem Landungsbahn für Seelen.

So würde man zum/r Mitgestalter*in der sozialen Plastik und könnte dann, im Anschluss, als sogenannte/r „verantwortliche/r Teilnehmer/in“, am weiterführenden Training teilnehmen um dann eigenständig Erdforen zu organisieren und durchzuführen. In Kassel läuft zudem gerade das Projekt „Feld der Begegnung“2. Das Ziel dieses für alle Interessierten offenen Projektes ist die Vereinbarung eine freiwilligen Verpflichtung, individuelle Wege zu finden in dieser Welt gemeinsam zu leben, ohne uns selbst oder einem anderen Lebewesen Schaden zuzufügen. Die Verpflichtung wird in der bewussten Partnerschaft mit einem Baum gemacht und schafft dadurch gleichzeitig einen Ort der Reflektion und Begegnung mit dir selbst und der Welt. Die spezifischen Bäume werden mit einem gelben Stoffband umwickelt und dienen so als Ankerpunkte und Orte der Begegnung in dem größeren Begegnungsraum des Projektes. Durch die unsichtbare Verbindung der überall in Kassel vorhandenen Bäume, die in unterirdischen Wurzel- und Pilznetzwerken miteinander kommunizieren, sind somit auch alle Teilnehmenden und ihre individuellen Verpflichtungen ‚nicht wegzuschauen’ miteinander verbunden. Dies soll ein Symbol sein, für eine neue, verbundene Art zu denken und zu handeln und für ein gemeinsames Versprechen, der Realität ins Auge zu schauen und zu reflektieren: Wie kann ich, wie können wir als Menschen offen und berührbar bleiben oder auch erst werden, in dieser Welt? Wie können wir konstruktiver ein Miteinander gestalten, untereinander und in Beziehung mit unserem Planeten? Andrea Steckert teilt ihren Eindruck, dass eine solche Partnerschaft mit einem Baum ihrer Meinung nach auch eine große Unterstützung und Motivation für die eigene innere Arbeit darstellt und ein Versuch ist, mit sich selbst und anderen authentisch in Kontakt zu kommen sowie eigene Kapazitäten zu realisieren.

Was Shelley Sacks in ihrem Leben motiviert und welche Praxen sie selber nutzt, um in Balance zu bleiben, ist das nächste Thema und auch hier geht es hauptsächlich um Bäume: Die Künstlerin hat ein sehr inniges Verhältnis zu Bäumen und zieht aus dieser Beziehung auch ihre Kraft und Motivation. Darüber hinaus, so sagt sie, habe sie keine spezielle Praxis bis auf ihre beständige Kontemplation der Frage „Was ist Leben?“. Sie strebe an, hier ein immer feineres und detaillierteres Verständnis zu entwickeln. Weiterhin erklärt sie, der Schwerpunkt ihres Schaffens liege ja in der sogenannten „Humanossphäre“, die sich von der Biosphäre und der Technosphäre dadurch abgrenzt, dass hier der Mensch im Fokus stehe. Diese Sphäre zu entwickeln, vor allem auch in Bezug auf das Thema der nachhaltigen Entwicklung, ist für Shelley Sacks unabdingbar. Das individuelle „Ich“ zu entwickeln, jenseits vom Ego, oder Ich-Bezogenheit, die andere ausschließt, sieht sie als Voraussetzung, in emphatisch mitfühlenden Kontakt mit anderen Menschen, Lebewesen und der Welt zu treten. Die Ausbildung dieser Integrität braucht es, um klar erkennen zu lernen, was Menschsein, jenseits von negativen Erfahrungen der Vergangenheit, im Kern bedeutet, wie es sich unterscheidet von Maschinen und genereller, was Leben an sich ausmacht. Sie bezieht sich wiederum auf Bäume, bzw. das Vorbild des Myzeliums, ein Netzwerk aus Nährpilzen, die die Baumwurzeln unterirdisch mitversorgen und sie somit untereinander verbinden. Je nachdem, wo gerade Bedarf ist, dort findet die Versorgung vorrangig statt. Shelley Sacks vertritt die Meinung, wir als Menschen sollten eine ähnliche Ebene der Verbindung und des gemeinsamen Verständnisses entwickeln und darauf basierend unsere gemeinsame Zukunft gestalten.


Am Ende der Video-Session leitet Andrea Steckert wieder eine Reflexion für die Zuschauer mit folgenden Leitfragen an:

  • Was in dem Gehörten besonders in mir angeklungen?
  • Welche Ideen fand ich inspirierend?
  • Wie kann ich das Gehörte bzw. das, was bei mir angeklungen ist, weiter tragen in mein Leben und mein Umfeld?



1 - Siehe Anna, S. (2008). Joseph Beuys, Düsseldorf. Schriftenreihe Stadtmuseum. Ostfildern: Hatje Cantz für eine ausführliche Beschreibung.