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Hilfe! Wie überwinde ich meinen Klimaschock?

 
Nutzerbild Andreas Morhöfer
Hilfe! Wie überwinde ich meinen Klimaschock?
von Andreas Morhöfer - Montag, 5. März 2018, 12:03
 
Liebes CCL-Team, 
ich freue mich eure Seite gefunden zu haben. Ich bin schon seit längerem auf der Suche nach einem Forum, wo ich meine Gedanken zum Thema Klimawandel loswerden kann. 
Im Speziellen treibt mich seit längerem ein Gespräch um, welches ich auf der Arbeit mit Kollegen hatte (normales Unternehmen in Hamburg). Beide leben vegan, sind in ihren Endzwanzigern, und ökologisch informiert, aber keine Verhaltensdogmatiker. Irgendwie kamen wir auf das Thema, wieviel Verzicht von unser aller Seite (Industrienationen) wirklich realistisch nötig wäre, um ein Klimaziele von z.B. 2 Grad maximale Erwärmung zu erreichen.
Mithilfe aktueller Hochrechnungen kamen wir auf Werte, für die wir unseren Lifestyle recht radikal ändern müssten. Dass sogar all die Dinge, die wir jetzt schon tun, weniger Fleisch, mehr Bahn etc., nicht mal im Ansatz ausreichen, ist schon recht deprimierend. Dazu kommt die Frage, wie bringt man aufstrebende neue Nationen wie Indien parallel dazu auf ihre Kühlschränke und Autos zu verzichten, wo wir es doch so gut damit haben? Beide Kollegen schauten mich am Ende jedenfalls an und sagten, das Ding ist gelaufen. Wir können die Veränderung nicht aufhalten, und was mitschwang war, also machen wir weiter wie bisher. Ich hatte einen Kloß im Hals, denn ja, am Ende des Tages ist das auch meine Einstellung. Ich trenne meinen Müll weiter, versuche immer noch so oft es geht mit der Bahn zu fahren und weniger Fleisch zu essen, aber ich tue es nun mit einem anderen Gefühl als vorher. Dem Gefühl, egal, was ich mache, es wird nicht ausreichen. Ich kann nicht wirklich was ausrichten. Ein Teil von mir will das aber nicht akzeptieren. Liebes CCL-Team, wie seht ihr das? Ich weiß, das Klimawandel DAS Thema dieses Jahrhunderts ist, meine Kollegen wissen das auch. Wir wollen unsern Beitrag leisten, aber wie kann so etwas heute aussehen? Was ist wirklich zu tun und wie kann man ‘positiv’ bleiben angesichts der ganzen schlechten Nachrichten zum Klima auf unserer Erde?  
Nutzerbild Hans Hertle
Re: Hilfe! Wie überwinde ich meinen Klimaschock?
von Hans Hertle - Montag, 5. März 2018, 21:54
 

Lieber Andreas,

ich bin jetzt seit etwa 30 Jahren im Bereich Klimaschutz tätig. Und natürlich kenne ich den Klimaschutz-Blues, den Du beschreibst, sowohl bei mir (wenn auch selten) als auch bei anderen. Ich will sogar noch einen drauf setzen: Nicht nur beim Klimaschutz, sondern auch beim Thema Friedenssicherung, Armutsbekämpfung oder Verteilungsgerechtigkeit könnte ich zurzeit einen Blues bekommen. Doch was tun? Ermutigende Ratschläge spar ich mir jetzt mal, da es tatsächlich nicht sicher ist, ob "wir" das schaffen. Dazu ist das "wir" einfach zu groß (7,5 Milliarden Einwohner). Ich finde es toll das Du bzw. ihr Klimawandel als wichtiges Thema seht. Insofern seid ihr ja Überzeugungstäter und die Frage "lohnt sich das überhaupt" dürfte ja gar nicht auftauchen. Aus Sicht des Einzelnen in Deutschland ist es heute tatsächlich nicht möglich, sich auf die geforderte eine Tonne Treibhausgase pro Person zu reduzieren. (ausser man ist bei einer Community wie den "amish people" die freiwillig wie vor 300 Jahren leben). Dass aber Visionen von einzelnen auch die Gesellschaft beeinflussen können, zeigt nicht zuletzt die GERMAN ENERGIEWENDE. 1975 konnte Ministerpräsident Filbinger noch sagen: "Ohne das Kernkraftwerk Wyhl werden zum Ende des Jahrzehnts in Baden-Württemberg die ersten Lichter ausgehen". Inzwischen hat auch die CDU den Austieg mitgetragen, die Stromerzeugung aus Erneuerbaren übersteigt die der Kernkraftwerke. Die nachhaltige Lebensweise wirkt eben nicht nur auf die CO2-Emissionen, sondern auch auf die Gesellschaft. Insofern ist Klimaschutz für mich keine Einzelleistung sondern, ähnlich wie Religionen oder Philosophien, eine Wertevorstellung, mit der wir guten Gewissens in die Zukunft und auf andere zugehen können. Und schlussendlich noch der Werbeblock: Im neuen UBA -Rechner kannst Du langfristig sogar auf eine Tonne kommen: www.uba.co2-rechner.de Dort sind heutige Maßnahmen mit gesellschaftlichen Akzeptanzfragen verknüpft. Will heissen: Wenn eigenverantwortliches und gesellschaftliches Handeln Hand in Hand gehen, ist das Ziel erreichbar.

Nutzerbild Andreas Morhöfer
Re: Hilfe! Wie überwinde ich meinen Klimaschock?
von Andreas Morhöfer - Freitag, 9. März 2018, 09:12
 
Während einer anstrengenden Arbeitswoche schaffe ich es endlich hier mal nachzuschauen und muß sagen, bin wirklich begeistert und beeindruckt von den tollen und ausführlichen Antworten. Vielen Dank erstmal dafür! 


Das Wort Klimablues merke ich mir. Leider ist dem nicht ganz so einfach beizukommen. Ich begegne im Alltag immer wieder Entscheidungen, wo mein Klimagewissen mich fragt: Darfst du das, musst du das, wenn ich das mache, ok, aber wenn alle das machen (und das machen sie)... dann sind das alles Beiträge zu einer ungesünderen Umwelt. Einfach die Tatsache, daß ich in einer Industrienation lebe, verflechtet mich mit diversen Dilemmata. Das sie darauf hinweisen, Klimaschutz als Wert an sich zu sehen, hilft mir wieder auf die positive Seite wechseln zu können. Also diesen Wert in die eigene Haltung zu integrieren. Wenn das wiederum jeder macht... ;)


Noch eine Gedanke zum Schluß: Ich muß bei der Klimasituation an den deutschen Wiederaufbau denken, an diese Stunde Null, wo über mehrere Jahre die Menschen sich zusammen dieser einen Aufgabe gewidmet haben. Da haben alle die Ärmel hochgekrempelt und aus einer schlimmen Situation eine bessere gemacht. Nicht eins zu eins vergleichbar, aber Klimaschutz unter einem Gefühl zu vereinen, das das hier wirklich eine besondere, eine Jahrhundertaufgabe ist, die einen besonderen Ansporn und eine Motivation auf höchster Ebene verdient, das fehlt mir so ein bisschen. 

Nutzerbild Marian CCL
Re: Hilfe! Wie überwinde ich meinen Klimaschock?
von Marian CCL - Mittwoch, 7. März 2018, 10:12
 

Lieber Andreas,

Deine Frage treibt viele Menschen um. Wir wissen, wir müssten handeln, "wir tun ja auch was" --- aber wir spüren es nicht. Statt dessen spüren wir die Resignation angesichts der kaum zu bewältigenden Aufgabe, und das zieht einen dann einfach nur noch runter. Wie findet man aus dieser Resignation heraus? Ich finde, dass sich in der Resignation, so dumpf sie sein mag, ein sehr kostbares und stimmiges Gefühl verbirgt, die Trauer. Denn es ist tatsächlich an der Zeit zu trauern. Der Klimawandel zeigt jetzt schon seine Folgen. Unsere Jahreszeiten spielen verrückt, es gibt viel mehr Stürme. Und wie Du sicher weißt, stehen die Ursachen des Klimawandels, wie etwa die industrielle Agrarproduktion, in enger Verbindung mit anderen Veränderungen der Natur. Das Verschwinden der großen Vogelschwärme, das Tierleid in vielen der großen Ställe bei der Massentierhaltung, das Sterben der Korallenriffe usw. Wenn ich mir das so vorstelle, spüre ich einen Faustschlag im Magen. Ich meine: dieser Trauer können wir nur gemeinsam begegnen.

Aber wo ist dieses "wir"? Ein "wir" entsteht, wenn mehrere Menschen etwas zusammen machen. Aber warum sollte man das tun, wenn eh alles umsonst ist? Meine Antwort lautet: Um unser Selbst willen! Wenn wir in der Resignation verharren, wenn wir die Trauer nicht spüren wollen, wenn wir sie betäuben mit Konsumbelohnungen - dann verlieren wir den Kontakt zu uns selbst und zu unserer eigenen Lebendigkeit. Ich glaube, dass an dieser Stelle tatsächlich Ehrlichkeit und Mut gefragt sind. Ehrlichkeit den eigenen Gefühlen gegenüber und der Mut sie ernst zu nehmen. Um dann zu sagen: "Ich lasse die Ausreden nicht gelten." Wenn ich wirklich spüre, wie es um unsere Erde bestellt ist, dann muss ich handeln. Egal, ob ich mir Erfolg ausrechne. (An dieser Stelle gehe ich nicht drauf ein, wieviel Unvorhergesehenes in der Erdgeschichte schon geschehen ist...)

Und dann kommt das Dritte: der Sinn entsteht beim Tun. Man muss wirklich anfangen, das ist wie beim Sport. Dass der Körper stärker wird und wie sich das anfühlt, merkt man nur, wenn man trainiert. Man muss es konsequent tun --- und so den Mut haben ein Beispiel zu setzen. Wie das gehen kann, haben Petra Pinzler und Günther Wessel in ihrem neuen Buch "Vier fürs Klima" beschrieben. In ihrem Erfahrungsbericht erzählen sie von ihren Zweifeln und ihrem Scheitern an den eigenen Ansprüchen. Aber sie erzählen eben auch davon, das nur durch das Tun ein neues Gefühl entsteht, eine neue Art sich selbst in der Klimawandel-Wirklichkeit einen eigenen, nicht resignierenden Platz zu erobern.

Also: Den Mut haben die eigene Trauer zu spüren, den Mut haben Ausreden nicht gelten zu lassen und den Mut haben anzufangen. Ich weiß, das ist nicht einfach. Aber beim Sport fängt man ja auch nicht mit einem Marathon an, sondern mit ein paar Gymnastikübungen. Deine Kolleg*innen haben ja schon einen Schritt gemacht. Das ist toll. Der nächste Schritt wäre, sich selbst ein privates Ziel zu setzen: vielleicht weniger konsumieren? Mehr Fahrrad fahren? Nicht völlig gedankenlos zum Shopping nach London fliegen? Gemeinsam drüber sprechen, dass man aus der Resignation raus will, dass man etwas ändern will, dass man zusammen handeln will - auch wenn es schwer fällt. Viele Tropfen machen einen Ozean. Über Deine Antwort hier im Forum würde ich mich freuen. Viele Grüße von Marian CCL

Nutzerbild Andreas Morhöfer
Re: Hilfe! Wie überwinde ich meinen Klimaschock?
von Andreas Morhöfer - Freitag, 9. März 2018, 09:45
 

Hallo Marian, vielen Dank... ;)

1. Siehe Antwort an Herrn Hertle....

2. Die sich verändernde Natur und die diversen Tatorte direkt anzuschauen fällt mir manchmal schwer. Ich gebe zu, das ich bei Fernsehsendungen, die allzu drastisch Umweltkatastrophen darstellen, weg schalte. Ich will mich der fatalistischen Erkenntnis, die dahinter steckt, nicht immer stellen. Und die Bilder tun nun mal auch weh. Und machen mich traurig. Sehr.

3. Ich bekomme so langsam durch eure Antworten eine Ahnung, das die Sache gleichzeitig zu groß für den einzelnen ist, aber nur durch den die/einzelnen gelöst werden kann. Das würde auch Umlernen/Anfangen heißen von meiner Seite. Ich komme aus einer Generation, die gerade nicht mehr so richtig politisch sein brauchte, weil die großen Kämpfe da schon angeschoben waren und man sich so mit drauf setzen konnte (Grüne wählen hieß so drei bis vier progressive Bewegungen inklusive zu unterstützen, und danach gings ohne mit der Wimper zu zucken zu MacDonalds...). Diese Zeit des bequemen Umgangs mit der eigenen Moral stößt bei mir seit längerem an seine Grenze.

4. Ein neues Klima-Mantra: Ich bin ein Tropfen. Ich bin ein Ozean.

Nutzerbild Christine Krüger
Re: Hilfe! Wie überwinde ich meinen Klimaschock?
von Christine Krüger - Donnerstag, 8. März 2018, 08:44
 

Lieber Andreas und liebe andere Klimaaktive und manchmal auch Klimaschutzmüde,

hier der Hinweis auf eine tolle Aktion der Klimaschutzmanager*innen der Metropolregion Nürnberg. Sie gehen schon im zweiten Jahr im Rahmen einer Fastenstaffel der Frage nach, was jede*r persönlich für den Klimaschutz machen kann. Auf nachfolgendem Blog geben sie viele wertvolle Tipps, aber auch kritische Anmerkungen zu dem, was machbar ist und was noch nicht.

https://co2fasten.wordpress.com/

Ansonsten möchte ich mich Hans anschließen - zusammen haben wir sehr wohl Einfluß und ja auch schon einiges auf den Weg gebracht. Lasst uns hoffen, dass es noch mehr wird.

Herzliche Grüße

Christine


Nutzerbild Andreas Morhöfer
Re: Hilfe! Wie überwinde ich meinen Klimaschock?
von Andreas Morhöfer - Freitag, 9. März 2018, 09:13
 

Super, vielen Dank für diesen interessanten Tipp... ;)